Friedrich Wilhelm Carové

Romanze von Frau Alda

Romanze aus dem Altspanischen
übersetzt Friedrich Wilhelm Carové

In Paris Frau Alda wohnet,
   erren Rolands Ehgemahl,
Mit ihr sind dreihundert Frauen,
   Zu begleiten sie zumahl;
Alle nur ein Kleid sie kleidet,
   All’ nur schuht ein Schuh sie an,
All’ an einem Tisch sie essen,
   Eines Brodes aßen all’,
Nur allein nicht die Frau Alda,
   Welche die Gebietrin war;
Hundert jener Gold verspannen,
   Hundert weben ihr Zindaal,
Hundert rühren Saitenspiele,
   Daß sich Alda freu’ daran.

Bei dem Klang der Saitenspiele
   Sank Frau Alda in den Schlaf,
Einen Traum hat sie geträumet,
   Einen Traum der großen Qual;
Sehr erschrocken sie erwachte
   Und mit einer großen Angst,
Rief mit also lauter Stimme,
   Daß man’s hörte in der Stadt.

Darauf sprachen ihre Frauen,
   Was sie sagten, hört’s fürwahr:
Was ist Dieses, Herrin meine,
   Wer ist’s, der Euch Leides that? –
Einen Traum träumt’ ich, ihr Frauen,
   Der mir gab sehr große Qual,
Denn ich mich auf einem Berge,
   Einem öden Orte sah,
Nieder von den hohen Bergen
   Einen Habicht stiegen sah,
Hinter ihm ein Adler kommet,
   Der verfolget ihn sehr scharf.
Sehr geängstet sich der Habicht
   Unter meinem Mantel barg,
Sehr erzürnet zieht der Adler
   Dort hervor ihn mit Gewalt,
Mit den Klauen ihn entfiedert,
   Mit dem Schnabel ihn zernagt. –

Drauf die Kammerfrau ihr sagte,
   Wohl nun höret, was sie sprach:
Diesen Traum, Gebietrin meine,
   Wohl zu lösen ich vermag:
Jener Habicht ist Herr Roland,
   Kommt vom andern Meeresstrand,
Jener Adler seid ihr, Herrin,
   Die er nimmt sich zum Gemahl,
Und der Berg, das ist die Kirche,
   Wo man traut euch am Altar. –
Meine Kammerfrau, ist’s also,
   Soll dir werden reicher Dank. –

Morgens früh am andern Tage
   Brief von fern wird ihr gebracht,
Innen war er schwarz geschrieben,
   Aus der Decke blutig stand:
Daß ihr Roland war gestorben
   In der Schlacht von Roncesvall.