Ada Christen

Venedig

Auf dem Markusplatze

I

Ich kann's nicht schauen, dieses träge Leben,
Mir graut ob dieser müssigen Gestalten,
Die lässig spielen mit des Mantels Falten
Und marionettenhaft die Glieder heben.

Oft zuckt es auf in ihres Blicks Umnachtung,
Es flackert dann ein sinnlich-weiches Lachen
Um ihren Mund, als wollten sie erwachen
Aus ihrer unbewußten Selbstverachtung.

Mir ist zu Muthe oft, als zögen Leichen,
Die künstlich nur in's Leben rückgerufen,
An mir vorbei, hinab die Marmorstufen,
Um wieder in die Grüfte zu entweichen.

II

Durch die Gespenster drängen sich mit Kreischen,
Mit heftigen und mäkelnden Geberden
Verkommne Männer, die in schmutzbeschwerten,
Zerlumpten Kleidern frech Almosen heischen.

Und braune Weiber mit verwelkten Zügen,
Die freundlich lachen und bescheiden nicken,
Sie bieten Blumen mit beredten Blicken –
Es kann ihr Wesen, nicht ihr Auge lügen.

Laut zanken Menschen hier aus fernen Zonen,
Die zahmen Tauben füttern ihre Kleinen,
Dort schleicht das Häßliche mit dem Gemeinen,
Ein dürrer Mönch mit üppigen Matronen.

Zuweilen aber tauchen jene bleichen
Gesichter auf, die wie aus Stein gehauen,
Wie Götterbilder ruhig niederschauen –
Ach! – daß auch sie einst den Matronen gleichen.


Gondoliere

III

Sie tragen doch ein besseres Gepräge,
Der Barkenführer und der Gondolier',
Mit welcher Treue lieben sie das Meer,
Als ob ihr Glück in seinen Tiefen läge.

Sie weisen noch mit seltsam stolzer Miene
Die Dogenmütze auf dem Prachtpalast,
Sie nennen seufzend und mit dumpfer Hast
Den Namen jeder berstenden Ruine.

Wie schüchtern-zärtlich kosen ihre Hände
Die Kunstgebilde einer großen Zeit,
Als ob den Untergang der Herrlichkeit
Das Kind des Volkes nur allein empfände.

IV

»Der Tag ist heiß! – die Piazetta leer! –
Ich kann vergeblich heut' der Fremden harren,
Und auch kein Liebespaar will einsam fahren.
Der Tag ist heiß! – Eh! – ist das Leben schwer!«

So stöhnte Beppo, als ich flüchtig frug,
Wie sein entrüstet Angesicht zu deuten.
»Madonna glaubt nur nicht den Schifferleuten,
Die haben Geld! – die haben Brod genug,«

So zischte mir ein Judenbube zu
Und wühlte grimmig in den krausen Locken,
Doch schwieg er plötzlich und entsprang erschrocken,
Denn Beppo hört' ihn und er knirschte: Du!! –

Und rasch heraus er beide Taschen kehrt,
Schnippt mit den Fingern und beginnt zu fluchen:
»Der Teufel selber kann heut' bei mir suchen,
Nicht einen Cent ist dieser Tag mir werth!« ...


Begräbniss

V

Nächst meiner Gondel steht ein Mönch, der leise
Gebete seufzt. Er starret vor sich nieder,
Auch sein Gefolge murmelt Todtenlieder.
Die Wellen singen ihre alte Weise.

Den Mönch und eine Todte trägt die kleine
Und schwarzbeflaggte Gondel, um das Kissen
Des stillen Mädchens flattert windzerrissen
Ein schwarzer Schleier, und umhüllt die Reine.

Ein Kranz von Rosen schmückt ihr Haupt, das bleiche,
Die blonden Locken gleiten auf den Fluthen,
Und wie sie einst bei süßen Träumen ruhten,
Ruh'n jetzt die Hände dieser holden Leiche.

In alten Angeln knarret rostend, lose
Das Friedhofsthor ... und wie den Sarg sie heben,
Den jungen Leib der Erde rückzugeben,
Sinkt in die Fluthen eine weiße Rose...


Fastnachtende

VI

Ein tolles Volk, es tobt den Platz entlang,
Auf bunte Masken fließt ein Lichtmeer nieder,
Vermummte Schergen blasen Freiheitslieder,
Bemalte Fischer kreischen alten Sang.

Es springt und lacht der Fraganapa täppisch,
Aus schwarzen Augen sprühen wüste Blitze,
Die Harlekine schnarren seichte Witze,
Die Columbinen tanzen matt und läppisch.

Da tönt vom Markusthurm die Mitternacht –
Das Licht erlischt, – die Narren sind verflogen,
Ihr letztes Jauchzen gellt noch durch die Bogen,
Bald ruht der Platz in einsam, hehrer Pracht.

VII

Ich ließ die Andern dort bei Sang und Tanz,
Und auf die Riva eilt ich von dem Feste,
In tiefem Schlummer lagen die Paläste,
Hier war ich fern dem bunten Mummenschanz.

Und vor mir wogte sacht das dunkle Meer,
Dem Ufer nahe, schwarze Gondeln schwammen,
Auf einem Boote schürten sie die Flammen,
Ein Segelschiff glitt geisterhaft daher.

Und als ich auf zum nächtigen Himmel sah,
Fiel jäh ein Stern – er ist in's Meer versunken,
Da lallts herauf so weich, so schlummertrunken
Von Kinderlippen fragend: Gondola!? ...


Lido

VIII

Im Dämmerlichte schwamm die Barke fort
Durch den Canal und hin durch die Lagunen,
Der todten Zeit geheimnißvolle Runen
Erstickten schier das laute Menschenwort.

Es glitt an Tempeln und Palästen nur
Vorbei mein Schiff, durch des Rialtos Bogen,
An schwarzen Gondeln, die vorüberzogen
Wie Nachtgespenster, sonder Laut und Spur.

Vom Klosterthurme bebte durch die Luft
In leisen Tönen schon der Abendsegen, –
Da rauschten Bäume, wehte mir entgegen
Vom grünen Lido weicher Blüthenduft.

Und sanfte Stimmen waren jetzt erwacht,
Durch Gras und Büsche schwebte süßes Klingen,
Verirrte Tauben senkten ihre Schwingen –
Es stieg die Fluth – und mählig kam die Nacht...

IX

Die Nacht ist da! – Es leuchtet jeder Stern,
Das Mondlicht zittert sacht auf jeder Welle,
Der feuchte Sand erglänzet silberhelle,
Des Meeres Brausen tönet dumpf und fern.

Es wogt heran und sprühet Perlen aus,
Schäumt Diamanten, die auf Muscheln schimmern,
Und rollt zurück mit leisem, trübem Wimmern,
Das jäh erstirbt in Wind und Wellenbraus.

Am Strande aber kniet ein Menschenkind
Und beut entblößt der Luft, der Wogenkühle
Die wunde Brust, das Haupt, das schmerzensschwüle,
Und was es flüstert, hört nur Meer und Wind ...


Nachtfahrt

X

Tiefschwarze Nacht – und rastlos strömt der Regen
Eintönig nieder auf der Gondel Dach,
Der alte Schiffer hält sich singend wach,
Zuweilen aber murmelt er den Segen.

Doch er versinket bald in ernstes Schweigen
Und lauscht hinunter in das dunkle Meer,
Schaut auf zum Himmel, schwarz und sternenleer,
Sein Lampenlicht kann keinen Weg ihm zeigen.

Und als die Wogen an die Gondel schlagen,
Die Lampe schwanket und die Flamme zischt,
Als sie aufflackernd knistert und erlischt,
Da flucht er laut, um leise dann zu klagen.

»So ist auch Dir Dein letztes Licht versunken,
So findest Du den sichern Hafen nicht,«
Grollt dumpf mein Herz. ... Da plötzlich ward es licht
Und auf den Wellen tanzten goldne Funken.

Das rothe Lämpchen eines Seglers sandte
Die Perlenbrücke leuchtend zu mir her ...
Der Gondoliere klagte nimmermehr,
Als er sein Ziel durch Nacht und Sturm erkannte.


Im Dogenpalaste

Faliero

XI

Die Dogen starren aus den alten Rahmen,
Grausame, wilde, traurige Gesichter,
Der Hermelin schmückt diese ernsten Richter
Und stolze, große, halbvergess'ne Namen.

Wie todte Zahlen, ohne sich zu gleichen,
Folgt Bild an Bild, Du schaust im Flug die Fülle,
Doch nur von Jenem mit der Schleierhülle,
Der schwarzgemalten, kann der Blick nicht weichen.

»Sein Haupt soll fallen unter Henkershänden!
Sein Bild bedecken soll ein schwarzer Schleier!
Sein Name sei verlöscht! – vergessen sei er!« ...
So sprachen Richter einst in diesen Wänden.

Vergessen längst sind jene starren Richter,
Vergessen schier die Dogen – dunkle Zahlen –
Doch den Verhüllten, seine tiefsten Qualen
Erschaut verklärt mit Seherblick der Dichter.


Himmel, Hölle, Fegefeuer

XII

»Das Weib des Künstlers – jenes Ewiggroßen –
Zeigt dreimal dieses weltberühmte Bild,
Hier malt er noch als Heilige sie mild,
Als Sünd'ge hier – und hier verdammt, verstoßen.«

So sprach der Führer, breit, eintönig, leise,
Und wies bedächtig hin auf die Gestalt,
Die Himmel, Fegefeuer, Höll' durchwallt,
Von Lieb' verewigt in so herber Weise ...

Bald stand ich einsam, schaute stumm die Züge
Des schönen Weibes in der Höllenschaar,
Es flammte grell ihr goldigrothes Haar,
Ihr dunkles Auge blickt', als ob es früge:

Was sinnest Du? – Ob meines Gatten Lieben?
Zum Liebeslied der kühn gemalte Text
Bin ich – den tausend Stümper nachgeklext,
Die auch das Weib aus seinem Himmel trieben.

Doch sie verflachten erst den Zug der Seele,
Verzerrten dann den himmlisch reinen Leib,
So wurde aus der Heiligen ein Weib,
Dämonisch schön – entweiht durch Menschenfehle. –

Ich schauderte ob dieser tiefen Klage ...
Das Glaubensmärchen einer alten Zeit,
Der Liebe traurige Vergänglichkeit
Spricht aus dem Bilde und aus seiner Sage.