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Das Gedicht „Der äthiopische Totentanz“ stammt aus der Feder von Theodor Däubler.

Eine Lotosblume ragte
Nun verduftend in die Nacht:
Als die Glut der Liebe tagte,
Ist die Blume hold erwacht:
Und vor solcher Pracht verzagte
Mein Begehr, der brunstentfacht
Jede tolle Frage wagte,
Um zu wissen, was, vollbracht,
Jede Antwort kühl versagte:
Klar hab ich da nachgedacht!

Denn der Blüte blasse Blätter
Wiegten sich gar wollustbleich,
Blutdurchglüht und leicht violetter
Schmiegten sie sich weiblichweich,
Immer fleischlicher und fetter,
Endlich weißen Leibern gleich,
Eins ans andre, als erkletter
Jede Wallung aus dem Teich,
Fiebernd, wie ein fernes Wetter,
Leiblich schon und wollustreich,

Ein erzuckendes Empfinden,
Das als Buhlin sich ergibt:
Und ich ahnte, hier verbinden
Bündel, was sich rings verschiebt!
Wenn wir selbst in Lust uns winden,
Wenn die Brunst als Glück zerstiebt,
Sucht das Weib vom Weib zu finden,
Was im Rausch dem Mann entsiebt,
Und der Mann will sich entrinden,
Der den Mann im Weibe liebt!

Welturanisch, unerklärlich
Liebt sich selbst das tiefste Ding:
Ewig still und unversehrlich
Schließt sich der Uräus-Ring!
Die Geschlechter sind begehrlich,
Doch das Übel ist gering,
Für sich selber nur gefährlich,
Weil sich drin der Schmerz verfing,
Bleibt ihr Dasein unentbehrlich,
Daß die Liebe sich entschwing!

In den letzten Brunstgewittern,
Die ganz kraftlos sind und satt,
Sprüht die Liebe noch aus Zwittern,
Fast affektlos schon und matt;
Ohne Fernen zu durchwittern,
Ist die Liebe satt und platt,
Kaum geschlechtlich mehr, erzittern
Leib an Leib verlegen, glatt;
Und hier zucken und verwittern
Weib an Weib als Lotosblatt. —

Quelle: Aus der Sammlung "Das Nordlicht".

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