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Das Gedicht „Der Reiter und der Bodensee“ stammt aus der Feder von Gustav Schwab.

Der Reiter reitet durch’s helle Tal,
Auf’s Schneefeld schimmert der Sonne Strahl.

Er treibet im Schweiß durch den kalten Schnee, –
Will heut noch erreichen den Bodensee;

Noch heut mit dem Pferd’ in den sichern Kahn
Will drüben noch landen vor Nacht er an.

Auf schlimmem Weg, über Dorn und Stein,
Er braust auf rüstigem Roß feldein.

Aus den Bergen heraus, in’s ebene Land,
Weit sieht er sich dehnen das Schneegewand.

Weit hinter ihm schwindet so Dorf wie Stadt,
Der Weg wird eben, die Bahn wird glatt.

In weiter Fläche kein Bühl, kein Haus,
Die Bäume gingen, die Felsen aus;

So flieget er hin eine Meil’ und zwei,
Er hört in den Lüften der Schneegans Schrei;

Es flattert das Wasserhuhn empor,
Nicht andere Laute vernimmt sein Ohr;

Keinen Wandersmann sein Auge schaut,
Der ihm den rechten Pfad vertraut.

Fort geht’s wie auf Samt, auf dem weichen Schnee;
Wann rauscht denn das Wasser? wann glänzt der See?

Da bricht der Abend, der frühe herein,
Von Lichtern blinket ein ferner Schein.

Es hebt aus dem Nebel sich Baum an Baum,
Und Hügel schließen den weiten Raum.

Er spürt auf dem Boden Stein und Dorn,
Dem Rosse giebt er den scharfen Sporn.

Die Hunde bellen empor am Pferd,
Und es winkt im Dorf ihm der warme Herd.

„Willkommen am Fenster, Mägdelein,
An den See, an den See, – wie weit mag’s sein?“

Die Maid, sie staunet den Reiter an:
„Der See liegt hinter dir und der Kahn.

Und deckt ihn die Rinde von Eis nicht zu,
Ich spräch’, aus dem Nachen stiegest du.“

Der Fremde schaudert, er atmet schwer:
„Dort hinten die Eb’ne, die ritt ich her!“

Da recket die Magd die Arm in die Höh’:
„Herr Gott! so rittest du über den See!“

„An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
Hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!“

„Und unter dir zürnten die Wasser nicht?
Nicht krachte hinunter die Rinde dicht?“

„Du wardst nicht die Speise der stummen Brut?
Der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?“ –

Sie rufet das Dorf herbei zu der Mähr,
Es stellen die Knaben sich um ihn her;

Die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
„Glückseliger Mann, ja, segne du dich!“

„Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
Brich mit uns das Brot und iss vom Fisch!“

Der Reiter erstarret auf seinem Pferd,
Er hat nur das erste Wort gehört.

Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar,
Dicht hinter ihm grinset noch die Gefahr.

Es sieht sein Blick nur den grässlichen Schlund,
Im Geist versinkt er im schwarzen Grund.

Im Ohr ihm donnerts, wie krachend Eis,
Wie die Well’ umrieselt ihn kalter Schweiß.

Da seufzt er, da sinkt er vom Roß herab,
Da ward ihm am Ufer ein – trocken Grab.

Analyse

Die Ballade "Der Reiter und der Bodensee" (1826; Epoche der Spätromantik) besteht aus 31 Strophen mit je 2 Versen. Das Metrum ist vorwiegend ein vierfüßiger Jambus (männliche Kadenz), bei dem allerdings die unbetonten Silben hin und wieder durch 2 kurze unbetonte Silben ersetzt sind (also durch einen Trochäus oder Daktylus).

Inhalt / Zusammenfassung

Ein Reiter, der es eilige hat, beabsichtigt, den Bodensee zu erreichen und diesen mit einem Fährkahn zu überqueren. Es ist tiefer Winter, und so erkennt er das Ufer nicht und überquert unabsichtlich den zugefrorenen und verschneiten See. Er hält ihn für eine baumlose, unbebaute Ebene. Am anderen Ufer angekommen, erkennt er die Gefahr, in der er gewesen ist. Einige Dorfbewohner eilen herbei, umringen ihn und staunen über diese Heldentat, doch der Reiter vor verliert vor Schreck das Bewusstsein und fällt tot vom Pferd.

Hintergrund

Der Bodensee ist, bei all seiner Tiefe, schon mehrmals in strengen Wintern gänzlich zugefroren. Man berichtet solches von den Jahren 1277, 1435, 1560, 1573, 1587, 1695, 1788 und 1830.
Diese Gelegenheiten benützte man oft zu ausgedehnten Lustpartien auf dem Eis; so hielten 1573 zweihundert Konstanzer Bürger zu Fuß und zu Pferd die Aschermittwochschlacht auf dem See. Im Jahr 1695 gab die Stadt Arbon ein Freischießen auf demselben.
Auch im Jahr 1830 fanden mehrere Belustigungen statt: Krämerbuden, Schankzelte waren aufgeschlagen, Musikbanden spielten auf, Kegel wurden geschoben und eine Menge Leute lustwandelten sorglos auf der glatten Fläche hin und her.

Es ist schriftlich überliefert, dass am 5. Januar 1573 der Elsässer Postvogt Andreas Egglisperger über den zugefrorenen Bodensee nach Überlingen geritten ist.

Einen Eklat provozierte der Bildhauer Peter Lenk in Überlingen, wo er nahe der Schiffsanlegestelle den ortsansässigen „Dichterfürsten“ Martin Walser als Figur auf dem Bodenseereiter-Brunnen verewigte. Dieser sitzt unvorteilhaft als Reiter auf einem alten Gaul, mit Schlittschuhen statt Sporen an den Füßen auf dem „dünnen Eis der deutschen Geschichte“ (Lenk), umgeben von eher älteren nackten Wasserjungfrauen.

In der Alltagssprache ist die Redewendung "einen Ritt über den Bodensee machen" in den deutschsprachigen Ländern die Anspielung auf eine kühne, unbewusst vollzogene Handlung.

Der Text des Gedichts steht auch als mustergültig gestaltetes PDF Der Reiter und der Bodensee zum Drucken bereit.

Siehe auch: Am Bodensee.

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