GedichteGedichte

Das Gedicht „Die fröhliche Wissenschaft“ stammt aus der Feder von Friedrich Nietzsche.

„Scherz, List und Rache.“

Vorspiel in deutschen Reimen.

1. Einladung

Wagt’s mit meiner Kost, ihr Esser!
Morgen schmeckt sie euch schon besser
Und schon übermorgen gut!
Wollt ihr dann noch mehr, – so machen
Meine alten sieben Sachen
Mir zu sieben neuen Mut.

2. Mein Glück

Seit ich des Suchens müde ward,
Erlernte ich das Finden.
Seit mir ein Wind hielt Widerpart,
Segl’ ich mit allen Winden.

3. Unverzagt

Wo du stehst, grab tief hinein!
Drunten ist die Quelle!
Lass die dunklen Männer schrein:
"Stets ist drunten – Hölle!"

4. Zwiegespräch

War ich krank? Bin ich genesen?
Und wer ist mein Arzt gewesen?
Wie vergaß ich alles Das!
Jetzt erst glaub ich dich genesen:
Denn gesund ist, wer vergaß.

5. An die Tugendsamen

Unseren Tugenden auch soll’n leicht die Füße sich heben:
Gleich den Versen Homer’s müssen sie kommen und gehn!

6. Welt-Klugheit

Bleib nicht auf ebnem Feld!
Steig nicht zu hoch hinaus!
Am schönsten sieht die Welt
Von halber Höhe aus.

7. Vademecum-Vadetecum

Es lockt dich meine Art und Sprach,
Du folgest mir, du gehst mir nach?
Geh nur dir selber treulich nach: –
So folgst du mir – gemach! gemach!

8. Bei der dritten Häutung

Schon krümmt und bricht sich mir die Haut,
Schon giert mit neuem Drange,
So viel sie Erde schon verdaut,
Nach Erd’ in mir die Schlange.
Schon kriech’ ich zwischen Stein und Gras
Hungrig auf krummer Fährte,
Zu essen Das, was stets ich aß,
Dich, Schlangenkost, dich, Erde!

9. Meine Rosen

Ja! Mein Glück – es will beglücken –,
Alles Glück will ja beglücken!
Wollt ihr meine Rosen pflücken?
Müsst euch bücken und verstecken
Zwischen Fels und Dornenhecken,
Oft die Fingerchen euch lecken!
Denn mein Glück – es liebt das Necken!
Denn mein Glück – es liebt die Tücken! –
Wollt ihr meine Rosen pflücken?

10. Der Verächter

Vieles lass ich fall’n und rollen,
Und ihr nennt mich drum Verächter.
Wer da trinkt aus allzuvollen
Bechern, lässt viel fall’n und rollen –,
Denkt vom Weine drum nicht schlechter.

11. Das Sprüchwort spricht

Scharf und milde, grob und fein,
Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,
Der Narren und Weisen Stelldichein:
Dies Alles bin ich, will ich sein,
Taube zugleich, Schlange und Schwein!

12. An einen Lichtfreund

Willst du nicht Aug’ und Sinn ermatten,
Lauf’ auch der Sonne nach im Schatten!

13. Für Tänzer

Glattes Eis
Ein Paradeis
Für Den, der gut zu tanzen weiß.

14. Der Brave

Lieber aus ganzem Holz eine Feindschaft,
Als eine geleimte Freundschaft!

15. Rost

Auch Rost tut Not: Scharfsein ist nicht genung!
Sonst sagt man stets von dir: "er ist zu jung!"

16. Aufwärts

"Wie komm ich am besten den Berg hinan?"
Steig nur hinauf und denk nicht dran!

17. Spruch des Gewaltmenschen

Bitte nie! Lass dies Gewimmer!
Nimm, ich bitte dich, nimm immer!

18. Schmale Seelen

Schmale Seelen sind mir verhasst;
Da steht nichts Gutes, nichts Böses fast.

19. Der unfreiwillige Verführer

Er schloss ein leeres Wort zum Zeitvertreib
In’s Blaue – und doch fiel darob ein Weib.

20. Zur Erwägung

Zwiefacher Schmerz ist leichter zu tragen,
Als Ein Schmerz: willst du darauf es wagen?

21. Gegen die Hoffahrt

Blas dich nicht auf: sonst bringet dich
Zum Platzen schon ein kleiner Stich.

22. Mann und Weib

"Raub dir das Weib, für das dein Herze fühlt! " –
So denkt der Mann; das Weib raubt nicht, es stiehlt.

23. Interpretation

Leg ich mich aus, so leg ich mich hinein:
Ich kann nicht selbst mein Interprete sein.
Doch wer nur steigt auf seiner eignen’ Bahn,
Trägt auch mein Bild zu hellerm Licht hinan.

24. Pessimisten-Arznei

Du klagst, dass Nichts dir schmackhaft sei?
Noch immer, Freund, die alten Mucken?
Ich hör dich lästern, lärmen, spucken –
Geduld und Herz bricht mir dabei.
Folg mir, mein Freund! Entschließ dich frei,
Ein fettes Krötchen zu verschlucken,
Geschwind und ohne hinzugucken! –
Das hilft dir von der Dyspepsei!

25. Bitte

Ich kenne mancher Menschen Sinn
Und weiß nicht, wer ich selber bin!
Mein Auge ist mir viel zu nah –
Ich bin nicht, was ich seh’ und sah.
Ich wollte mir schon besser nützen,
Könnt’ ich mir selber ferner sitzen.
Zwar nicht so ferne wie mein Feind!
Zu fern sitzt schon der nächste Freund –
Doch zwischen dem und mir die Mitte!
Erratet ihr, um was ich bitte?

26. Meine Härte

Ich muss weg über hundert Stufen,
Ich muss empor und hör euch rufen:
"Hart bist du; Sind wir denn von Stein?" –
Ich muss weg über hundert Stufen,
Und Niemand möchte Stufe sein.

27. Der Wandrer

"Kein Pfad mehr" Abgrund rings und Totenstille!" –
So wolltest du’s! Vom Pfade wich dein Wille!
Nun, Wandrer, gilt’s! Nun blicke kalt und klar!
Verloren bist du, glaubst du – an Gefahr.

28. Trost für Anfänger

Seht das Kind umgrunzt von Schweinen,
Hilflos, mit verkrümmten Zeh’n!
Weinen kann es, Nichts als weinen –
Lernt es jemals stehn und gehn?
Unverzagt! Bald, solle ich meinen,
Könnt das Kind ihr tanzen sehn!
Steht es erst auf beiden Beinen,
Wird’s auch auf dem Kopfe stehn.

29. Sternen-Egoismus

Rollt’ ich mich rundes Rollefass
Nicht um mich selbst ohn’ Unterlass,
Wie hielt’ ich’s aus, ohne anzubrennen,
Der heißen Sonne nachzurennen?

30. Der Nächste

Nah hab den Nächsten ich nicht gerne:
Fort mit ihm in die Höh’ und Ferne!
Wie würd’ er sonst zu meinem Sterne? –

31. Der verkappte Heilige

Dass dein Glück uns nicht bedrücke,
Legst du um dich Teufelstücke,
Teufelswitz und Teufelskleid.
Doch umsonst’ Aus deinem Blicke
Blickt hervor die Heiligkeit!

32. Der Unfreie

Er steht und horcht: was konnt’ ihn irren?
Was hört er vor den Ohren schwirren?
Was war’s, das ihn darniederschlug?
Wie jeder, der einst Ketten trug,
Hört überall er – Kettenklirren.

33. Der Einsame

Verhasst ist mir das Folgen und das Führen.
Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht Niemand Schrecken:
Und nur wer Schrecken macht, kann Andre führen.
Verhasst ist mir’s schon, selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
In holder Irrnis grüblerisch zu hocken,
Von ferne her mich endlich heimzulocken,
Mich selber zu mir selber – zu verführen.

34. Seneca et hoc genus omne

Das schreibt und schreibt sein unausstehlich weises Larifari,
Als gält es primum scribere,
Deinde philosophari.

35. Eis

Ja! Mitunter mach’ ich Eis:
Nützlich ist Eis zum Verdauen!
Hättet ihr viel zu verdauen,
Oh wie liebtet ihr mein Eis!

36. Jugendschriften

Meiner Weisheit A und O
Klang mir hier: was höre ich doch!
Jetzo klingt mir’s nicht mehr so,
Nur das ew’ge Ah! und oh!
Meiner Jugend hör ich noch.

37. Vorsicht

In jener Gegend reist man jetzt nicht gut;
Und hast du Geist, sei doppelt auf der Hut!
Man lockt und liebt dich, bis man dich zerreißt:
Schwarmgeister sind’s –: da fehlt es stets an Geist!

38. Der Fromme spricht

Gott liebt uns, weil er uns erschuf!-
"Der Mensch schuf Gott!" – sagt drauf ihr Feinen.
Und soll nicht lieben, was er schuf?
Soll’s gar, weil er es schuf, verneinen?
Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.

39. Im Sommer

Im Schweiße unsres Angesichts
Soll’n unser Brot wir essen?
Im Schweiße isst man lieber Nichts,
Nach weiser Aerzte Ermessen.
Der Hundsstern winkt: woran gebricht’s?
Was will sein feurig’ Winken?
Im Schweiße unsres Angesichts
Soll’n unsren Wein wir trinken!

40. Ohne Neid

Ja, neidlos blickt er: und ihr ehrt ihn drum?
Er blickt sich nicht nach euren Ehren um;
Er hat des Adlers Auge für die Ferne,
Er sieht euch nicht! – er sieht nur Sterne, Sterne.

41. Heraklitismus

Alles Glück auf Erden,
Freunde, gibt der Kampf!
Ja, um Freund zu werden,
Braucht es Pulverdampf!
Eins in Drei’n sind Freunde:
Brüder vor der Not,
Gleiche vor dem Feinde,
Freie – vor dem Tod!

42. Grundsatz der Allzufeinen

Lieber auf den Zehen noch,
Als auf allen Vieren!
Lieber durch ein Schlüsselloch,
Als durch offne Türen!

43. Zuspruch

Auf Ruhm hast du den Sinn gericht?
Dann acht’ der Lehre:
Bei Zeiten leiste frei Verzicht
Auf Ehre!

44. Der Gründliche

Ein Forscher ich? Oh spart diess Wort! –
Ich bin nur schwer – so manche Pfund’!
Ich falle, falle immerfort
Und endlich auf den Grund!

45. Für immer

"Heut komm’ ich, weil mir’s heute frommt" –
Denkt Jeder, der für immer kommt.
Was ficht ihn an der Welt Gered’:
"Du kommst zu früh! Du kommst zu spät!"

46. Urteile der Müden

Der Sonne fluchen alle Matten;
Der Bäume Wert ist ihnen – Schatten!

47. Niedergang

"Er sinkt, er fällt jetzt" – höhnt ihr hin und wieder;
Die Wahrheit ist: er steigt zu euch hernieder!
Sein Überglück ward ihm zum Ungemach,
Sein Überlicht geht eurem Dunkel nach.

48. Gegen die Gesetze

Von heut an hängt an härner Schnur
Um meinen Hals die Stunden-Uhr:
Von heut an hört der Sterne Lauf,
Sonn’, Hahnenschrei und Schatten auf,
Und was mir je die Zeit verkünd’t,
Das ist jetzt stumm und taub und blind: –
Es schweigt mir jegliche Natur
Beim Ticktack von Gesetz und Uhr.

49. Der Weise spricht

Dem Volke fremd und nützlich doch dem Volke,
Zieh ich des Weges, Sonne bald, bald Wolke –
Und immer über diesem Volke!

50. Den Kopf verloren

Sie hat jetzt Geist – wie kam’s, dass sie ihn fand?
Ein Mann verlor durch sie jüngst den Verstand,
Sein Kopf war reich vor diesem Zeitvertreibe:
Zum Teufel ging sein Kopf – nein! nein! zum Weibe!

51. Fromme Wünsche

"Mögen alle Schlüssel doch
Flugs verloren gehen,
Und in jedem Schlüsselloch
Sich der Dietrich drehen!"
Also denkt zu jeder Frist
Jeder, der – ein Dietrich ist.

52. Mit dem Fuße schreiben

Ich schreib nicht mit der Hand allein:
Der Fuß will stets mit Schreiber sein.
Fest, frei und tapfer läuft er mir
Bald durch das Feld, bald durchs Papier.

53. Ein Buch

Schwermütig scheu, solang du rückwärts schaust,
Der Zukunft trauend, wo du selbst dir traust:
Oh Vogel, rechn’ ich dich den Adlern zu?
Bist du Minerva’s Liebling U-hu-hu?

54. Meinem Leser

Ein gut Gebiss und einen guten Magen –
Dies wünsch’ ich dir!
Und hast du erst mein Buch vertragen,
Verträgst du dich gewiss mit mir!

55. Der realistische Maler

"Treu die Natur und ganz!" – Wie fängt er’s an:
Wann wäre je Natur im Bilde abgetan?
Unendlich ist das kleinste Stück der Welt! –
Er malt zuletzt davon, was ihm gefällt.
Und was gefällt ihm? Was er malen kann!

56. Dichter-Eitelkeit

Gebt mir Leim nur: denn zum Leime
Find’ ich selber mir schon Holz!
Sinn in vier unsinn’ge Reime
Legen – ist kein kleiner Stolz!

57. Wählerischer Geschmack

Wenn man frei mich wählen ließe,
Wählt’ ich gern ein Plätzchen mir
Mitten drin im Paradiese:
Gerner noch – vor seiner Tür!

58. Die krumme Nase

Die Nase schauet trutziglich
In’s Land, der Nüster blähet sich –
Drum fällst du, Nashorn ohne Horn,
Mein stolzes Menschlein, stets nach vorn!
Und stets beisammen find’t sich das:
Gerader Stolz, gekrümmte Nas.

59. Die Feder kritzelt

Die Feder kritzelt: Hölle das!
Bin ich verdammt zum Kritzeln-Müssen? –
So greif’ ich kühn zum Tintenfass
Und schreib’ mit dicken Tintenflüssen.
Wie läuft das hin, so voll, so breit!
Wie glückt mir Alles, wie ich’s treibe!
Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit –
Was tut’s? Wer liest denn, was ich schreibe?

60. Höhere Menschen

Der steigt empor – ihn soll man loben!
Doch jener kommt allzeit von oben!
Der lebt dem Lobe selbst enthoben,
Der ist von Droben!

61. Der Skeptiker spricht

Halb ist dein Leben um,
Der Zeiger rückt, die Seele schaudert dir!
Lang schweift sie schon herum
Und sucht und fand nicht – und sie zaudert hier?
Halb ist dein Leben um:
Schmerz war’s und Irrtum, Stund’ um Stund’ dahier!
Was suchst du noch? Warum? – –
Dies eben such’ ich – Grund um Grund dafür!

62. Ecce homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird Alles, was ich fasse,
Kohle Alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.

63. Sternen-Mora

Vorausbestimmt zur Sternenbahn,
Was geht dich, Stern, das Dunkel an?
Roll’ selig hin durch diese Zeit!
Ihr Elend sei dir fremd und weit!
Der fernsten Welt gehört dein Schein:
Mitleid soll Sünde für dich sein!
Nur Ein Gebot gilt dir.- sei rein!

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