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Das Gedicht „Die Lebensalter“ stammt aus der Feder von Ricarda Huch.

Zehn
Schimmernd umrundet das Kind die Sphäre des Paradieses.
Ach, zerplatze noch nicht! Spielts doch und träumts doch so süß.

Zwanzig
Rose und Nachtigall und Sonne und Wind gratulieren,
Und in den Schatten fliehst du? Ist es nicht Wonne, zu blühn?

Dreißig
Schweiß der Arbeit erfrischt und ziert den Erbauer des Hauses,
Drin er die Seinen bewahrt, sich und der Heimat zum Hort.

Vierzig
Schwinge begrüßend den Hut, da du singend den Gipfel erklommen,
Wie du gewachsen an Kraft, grüßen dich höhere fern.

Fünfzig
Glücklicher Fünfziger, mit noch schwungvollem Gange trittst du
In das schöne Jahrzehnt der Ernte mitten im Kampf.
Denn du wandelst nun schon unter selbstgezogenen Bäumen,
Früchte erquicken dich schon, die du für andre gereift.

Sechzig
Tapfer voran! Und fällt auch der liebste der Kriegskameraden,
Der im Gedränge der Schlacht hilfreich zur Seite dir stand,
Fröhlicher Nachwuchs dringt in die gelichtete Reihe,
Sei er dir freund oder feind, grüß ihn mit Ernst und mit Huld.

Siebzig
Schöner wird täglich die Welt, die zärtlich das Abendrot anhaucht.
Trinke, des Abschieds gedenk, selig das nährende Gold.

Achtzig
Sterne ziehen herauf, des Mondes silberne Welle
Fließt um dein silbernes Haupt. Liebend umfängt dich die Nacht.

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