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Die besten Gedichte von Ernst Stadler (1883 - 1914) - einem deutschen Lyriker (Epoche des Expressionismus).

Bekannte Gedichte

Kurze Gedichte

In Dir

Du wolltest dir entfliehn, an Fremdes dich fortschenken,
Vergangenheit auslöschen, neue Ströme in dich lenken –
Und fandest tiefer in dich selbst zurück.
Befleckung glitt von dir und ward zu Glück.
Nun fühlst du Schicksal deinem Herzen dienen,
Ganz nah bei dir, leidend von allen treuen Sternen überschienen.

Die Rosen im Garten

Die Rosen im Garten blühn zum zweiten Mal. Täglich schießen sie in dickenBündeln
In die Sonne. Aber die schwelgerische Zartheit ist dahin,
Mit der ihr erstes Blühen sich im Hof des weiß und roten Sternenfeuers wiegte.
Sie springen gieriger, wie aus aufgerissenen Adern strömend,
Über das heftig aufgeschwellte Fleisch der Blätter.
Ihr wildes Blühen ist wie Todesröcheln,
Das der vergehende Sommer in das ungewisse Licht des Herbstes trägt.

Reinigung

Lösche alle deine Tag’ und Nächte aus!
Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn!
Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
Schon bist du selig in dir selbst allein
Und wie mit Auferstehungslicht umhangen –
Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.

Fluß im Abend

Der Abend läuft den lauen Fluß hinunter,
Gewittersonne übersprengt die Ufersenkung bunter.
Es hat geregnet. Alle Blätter dampfen Feuchte.
Die Weidenwildnis streckt mit hellen Tümpeln sich ins witternde Geleuchte.
Weiße Nebel sich ins Abendglänzen schwingen.
Unterm seichten Fließen dumpf und schrill die mitgezognen Kiesel klingen.
Die Pappeln stehn im Licht, traumgroße Kerzen dick mit gelbem Honigseim beträuft –
Mir ist, als ob mein tiefstes Glück durch grüne Ufer in den brennenden Gewitterabend läuft.

Leben & Werk

Ernst Maria Richard Stadler wurde als Sohn eines Staatsanwalts im Reichsland Elsaß-Lothringen und besuchte in Straßburg das Gymnasium.

Zusammen mit seinen Freunden, den beiden Schriftstellern René Schickele und Otto Flake ab er 1902 die Zeitschrift Der Stürmer (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen nationalsozialistischen Wochenschrift) für progressive Dichtung heraus, die 1903 in Der Merker umbenannt wurde. Alle drei waren Mitglieder des Kunstkreises "Das jüngste Elsaß".

Stadler studierte in Straßburg und ab 1904 an der Ludwig-Maximilians-Universität München Germanistik, Romanistik und vergleichende Sprachwissenschaft. Mit einer Doktorarbeit über den Parzival wurde er 1906 zum Dr. phil. promoviert.

1906–1908 hielt er sich mit einem Rhodes-Stipendium am Magdalen College in Oxford auf. An der Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg habilitierte er sich mit einer Arbeit über Christoph Martin Wielands Shakespeare-Übersetzungen.

Von 1910 bis 1914 lehrte Stadler deutsche Philologie als Professor in Brüssel. Das Angebot, als Gastprofessor nach Toronto zu gehen, musste er ausschlagen, da der Erste Weltkrieg begann und Stadler als Reserveoffizier eingezogen wurde. Noch im selben Jahr wurde er während der Ersten Flandernschlacht durch eine Granate getötet. Er ist auf dem Friedhof des Straßburger Stadtteils Robertsau begraben.

Seine Gedichtsammlung "Der Aufbruch" bildete 1914 den Höhepunkt seiner kurzen literarischen Veröffentlichungen. Dies machte Stadler zu einer Leitfigur des literarischen Expressionismus. Im Unterschied zu Georg Heym ließ er sich durch Unheilsvorahnungen nicht abschrecken. Der religiös orientierte Stadler appellierte an seine Leser, zu einem besseren Dasein aufzubrechen, und versuchte die Depressionen zu vertreiben.

Berühmte Verse renommierter Poeten, die sich der Lyrik verschrieben haben: