Rudolf von Gottschall

Das rote Kreuz

Und wieder geht ein großes Sterben
Von Volk zu Volk und bitt’re Noth;
Auf Feuerrossen jagt Verderben,
Auf fahlem Roß der bleiche Tod.
Wie Blätter bei der Stürme Tosen
Wehn Menschenleben in den Staub;
Kein Sarg, geschmückt mit Kreuz und Rosen,
Verbirgt des Todes schnellen Raub.
Von Bretterwänden ungeschieden
Das Irdische zur Erde geht;
Für Hundert eines Grabes Frieden
Doch eine Thräne, ein Gebet.
Und wie der Schlachten Donnerwolke
Auch durch die Blutgefilde tost –
Es neigt zum blitzgetroff’nen Volke
Erbarmen sich und milder Trost.
Hoch über aller Völker Fahnen
Schwingt sein Panier der Menschheit Bund.
Es winkt in schön’rer Zukunft Bahnen
Das rothe Kreuz auf weißem Grund.

Zu Helden spricht das Kreuz von Eisen,
Das auf dem Grab der Väter steht.
Das Volk wird ihre Thaten preisen,
So lang’ es selbst um Siege fleht;
Solang’ die Zeiten groß und stählern
Und stolz sich ein Geschlecht erhebt,
Das aus den alten Heldenmälern
Zu neuem Kampf die Schwerter gräbt.
Das Eisenkreuz der neuen Sparter
Flammt in des Ruhmes Sonnenschein;
Ein andres Kreuz, das Kreuz der Marter,
In tiefem Schatten steht’s allein;
Es hat die ew’ge Dornenkrone
Des Schmerzes Heiligthum geweiht;
Doch einen Kranz von süßem Mohne
Hängt drüber die Barmherzigkeit.
Hoch über aller Völker Fahnen
Schwingt sein Panier der Menschheit Bund.
Es winkt in schön’rer Zukunft Bahnen
Das rothe Kreuz auf weißem Grund.

Die Sterne stehn wie Grabeskerzen
Kalt an des Himmels offner Gruft,
Wenn laut der Schrei hülfloser Schmerzen
Vom blut’gen Feld der Schlachten ruft.
Das Abendroth hat freud’gen Schimmer
Und gold’nes Lächeln schmückt die Flur
Und süße Zauber webt wie immer
Die unerbittliche Natur.
Du aber pflege schwere Wunden
Und spende Trost zu jeder Zeit,
Und üb’ in schönen Weihestunden
Den reinen Dienst der Menschlichkeit,
Und trock’ne der Verwaisten Zähren,
Und lind’re der Verlass’nen Noth,
Und jeden Schmerz mögst du verklären,
Der Liebe heilig Aufgebot
Hoch über aller Völker Fahnen
Schwingt sein Panier der Menschheit Bund.
Es winkt in schön’rer Zukunft Bahnen
Das rothe Kreuz auf weißem Grund.

Herbei, ihr Ritter des Johannes,
Ihr Jünger, die das Kreuz nicht schmückt.
Es schändet nie den Stolz des Mannes,
Wenn er zum Opferdienst sich bückt.
Herbei, ihr holden Pflegerinnen
Mit sanftem Aug’ und thät’ger Hand!
Hier gilt’s nicht Herzen zu gewinnen,
Nur Balsam für der Wunden Brand.
Und eine Last wird das Behagen,
Der Athemzug so froh und leicht,
Wenn von der Brüder schweren Tagen
Die Kunde unser Ohr erreicht.
O mögt ihr lindern, opfern, spenden,
Mit Herz und Hand, mit Hab’ und Gut!
O lernt für’s Vaterland verschwenden
Ihr habt ja Thränen nur für Blut!
Hoch über aller Völker Fahnen
Schwingt sein Panier der Menschheit Bund.
Es winkt in schön’rer Zukunft Bahnen
Das rothe Kreuz auf weißem Grund.