Rudolf von Gottschall

Zum 22. März

Vor hundert Jahren lag ein Fürstensohn,
Aus edlem Stamm entsprossen, in der Wiege,
Als Knabe sah er thränenreiche Kriege,
Der Mutter Schmerz, den schwer bedrängten Thron.
Es sah der Greis ein neues Reich erstanden,
Das er mit seinen Paladinen schuf:
Ein Kaiser über allen Deutschen Landen
Und Millionen folgten seinem Ruf.

Ihn hielt kein Herrscherwahn in seinem Bann,
Der prahlerische Purpur lockt ihn nimmer!
Er schlief in seinem schmucklos schlichten Zimmer
Auf einem Feldbett wie ein Kriegesmann.
Stets heilig war die Pflicht dem Fürstensohne
Und ihr gehorcht er, jedem Bürger gleich –
Wenn er sich selbst aufs Haupt gesetzt die Krone,
Er krönte nur das neue Deutsche Reich!

Es war sein Sinn von echter Heldenart,
Nicht in der Scheide rostete sein Degen,
Im Schlachtgetümmel und im Kugelregen
Sah man des greisen Herrschers Silberbart.
Er war die Leuchte seinem Volk im Kriege,
Es blitzt hell sein Schert im Wetterschein.
Und in das gold’ne Buch der großen Siege
Schrieb die Geschichte seinen Namen ein.

Doch ob des Krieges Lorbeer ihn geziert,
Cyanen schmücken ihn an Friedenstagen,
Er hat den Kaisermantel umgeschlagen
Um all das Elend, welches darbt und friert.
Und ob ihm hundert Monumente ragen,
Ob sich sein Ruhm in Erz und Stein erhebt –
Das können sie der Nachwelt nimmer sagen
Wie er im Herzen seines Volks gelebt!