Rudolf von Gottschall

Das Reformbankett

Ihr habt es selbst heraufbeschworen,
Des Schreckens blutiges Phantom!
Nun ruft’s euch donnernd in die Ohren:
Die weisen Consuln sind verloren;
Wer rettet jetzt das heil’ge Rom?
Ja, alles, alles sinkt danieder,
Was sie gepflegt in ihrem Wahn,
Und seine Krater öffnet wieder
Der alte, flammende Vulkan!

   Weh euch, weh euch! Ihr Volkbezwinger,
Schon klopft an euren morschen Thron
Mit ehernem, gewicht’gem Finger,
Das Schreckenskind: Revolution!
Ihr glaubtet längst, die bleiche Braut
Sei schon dem Himmel angetraut!
Doch sie zerreißt den Schleier,
Und naht zur Hochzeitfeier!
Sie erhebt sich von ihrem Todtenbett,
Trifft euch mit zerschmetternden Strahlen!
Sie feiert ein blut’ges Reformbankett,
Und ihr müsst die Zeche bezahlen!

   Herbei zu dem Bankett, ihr Gäste!
Ihr Blousenmänner, kommt herbei!
Die Neige trinken wir bei’m Feste,
Und schmausen froh die Ueberreste
Vom letzten Mahl der Tyrannei!
Der Becher kreist von Mund zu Munde,
Voll von der Freiheit Feuerwein!
Begeistrung macht mit ihm die Runde,
Und zieht in alle Herzen ein.

   Jetzt wird das Volk sich selbst bewirthen,
Und eure Brocken braucht es nicht;
Wenn es entzückt des Friedens Myrthen
In seine blut’gen Lorbern flicht!
Es ist sein Wein mit Blut getauft,
Und mit dem Tod sein Sieg erkauft.
Ihr trinkt den Todesbecher!
Träumt süß, ihr wackern Zecher!
Denn auch der Thron wird ein Todtenbett,
Und verglüht in der Freiheit Strahlen;
Es muß bei dem blut’gen Reformbankett
Der König die Zeche bezahlen!