Rudolf von Gottschall

Den Berliner Helden

Umsonst hat lange schon an uns’re Pforten
Die Freiheit angeklopft mit Flehensworten.
Jetzt sprengt sie glorreich die verschloss’nen Thore,
Und schwingt die blutbefleckte Trikolore.
Erst mag der ernste Trauermarsch erschallen
Um all’ die Opfer, die im Kampf gefallen,
In festlichen Chorälen trüb und dumpf,
Ein Grabgesang den theuern Heldensöhnen;
Dann soll der Freiheit blutiger Triumph
Von Mund zu Mund in Jubelhymnen tönen.
Sie, die das Vaterland mit Schmach beladen,
Entfliehn von dem entheiligten Altar!
Es haben die Berliner Barrikaden
Die Schande ausgelöscht auf immerdar.
Der Freiheit werth hat sich dies Volk bewiesen,
Selbst wenn’s im heil’gen Zorn gewitternd grollt,
Und seine Thaten bleiben hochgepriesen,
So lang das Rad der Weltgeschichte rollt!

Ja, fluggelähmt mit bleiernem Gefieder
Lag Preußens Adler in den Staub darnieder.
Der Geist des Lichts, der Preußen groß gemacht,
Er war verkauft an das Gezücht der Nacht!
Des freien Geistes heil’ges Priesterthum
Ward von dem heuchelnden Geschlecht verrathen,
Entweiht des Preußenvolkes schönster Ruhm,
Die Wissenschaft und des Gedankens Thaten!
Des Mittelalters prahlende Vasallen,
Die Don-Quixote längstentschwund’ner Zeit,
Sie bauten ihre Tempel und Walhallen
Den Schatten der versunk’nen Herrlichkeit!
Sie schmähten selbst des großen Friedrichs Geist,
Den Geist von fesselloser Lichtgedanken.
So mußte Preußens Genius verwaist,
Beschimpft im Flug ermatten und erkranken,
Verschlossen hinter dumpfen Kerkermauern
Mit der gesenkten Fackel einsam trauern.
Doch jetzt habt ihr die blut’ge Schlacht geschlagen,
Und wild nahm das Verderben seinen Lauf;
Das alte Preußen ward zu Grab getragen,
Und glorreich steht das freie Preußen auf.
Es schwingt, zur geist’gen Herrschaft auserkoren,
Der deutschen Freiheit heil’ge Trikoloren!
Voran im Streit wird es das Banner tragen,
Um die Kosacken aus dem Land zu schlagen,
Wird treu und kräftig in der Zukunft Stürmen
Das Menschenrecht, die Bürgerfreiheit schirmen.
Glorreiche Sonne uns’res Vaterlands,
Aus blutigem Gewölk emporgestiegen!
Heil, Freiheit, dir in deinem Siegerkranz;
Dein siegend Banner führt zu neuen Siegen.
Jetzt soll es noch ein schwarzer Flor verschleiern;
Noch sind die Herzen schweigend und gepreßt!
Eh’ wir das Fest der Auferstehung feiern,
Ruft uns der Tod zu seinem ernsten Fest!
Viel’ edle Gäste hat er eingeladen,
Die Kämpfer für ein freies Vaterland,
Die Kämpfer der Berliner Barrikaden,
Das schwarzrothgoldne Banner in der Hand!
Kartätschenhagel schmettert hundert nieder;
Die Fahne steht; die Fahne sinket nicht!
Zum blut’gen Freiheitskampf, ihr theuern Brüder;
Das Herz ist ganz, ob auch das Auge bricht!
Die Furien des Bürgerkrieges wüthen;
Mit Blut und Feuer tauft der große Tag!
Der neue Frühling schüttelt tausend Blüthen
In wildem Sturm auf euren Sarkophag!
Die Freundschaft und die Liebe mögen weinen
In stummem Schmerz an euern Leichensteinen.
Ein dankbar Volk in heil’ger Freude reicht
Euch tausend Lorberkränze thränenfeucht.
Herbei, herbei, ihr alten Veteranen,
Ein eisern Kreuz auf eurer Heldenbrust!
Begrüßt der Jugend ruhmgekrönte Fahnen,
Begrüßt des neuen Lebens Werdelust!
Einst zogt ihr unter heiligen Panieren
Mit Vorwärts für das Vaterland zum Streit;
Uns soll der neue Marschall Vorwärts führen;
Das ist der siegesfrohe Geist der Zeit!
Die neue Sonne winkt zu gold’nen Tagen,
Beginnt prophetisch ihren Siegeslauf!
Das alte Preußen ward zu Grab getragen;
Und glorreich steht das freie Preußen auf.