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Das Gedicht „Grodek“ stammt aus der Feder von Georg Trakl.

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Analyse

Das Gedicht "Grodek" (1914; Epoche des Expressionismus) besteht aus 17 Versen unterschiedlicher Länge. Alle Zeilen, mit Ausnahme der achten, enden mit einem Substantiv.
Es gibt keine Reime, kein durchgängiges metrisches Raster, wohl aber ein freies rhythmisches Muster, welches hauptsächlich auf Dreisilbigkeit basiert (Amphibrachys, Daktylus). Der sprachliche Duktus ist stark von der österreichischen Sprachmelodie beeinflusst.
Wie weitere Gedichte Trakls beginnt auch dieses mit den beiden Wörtern "Am Abend".

Hintergrund

Die Schlacht von Gródek fand zu Beginn des Ersten Weltkrieges an der Ostfront in Ost-Galizien (heutige Ukraine) zwischen russischen und österreichisch-ungarischen Truppen statt und endete am 7. September 1914 mit der Einnahme der 24 km südwestlich von Lemberg gelegenen Stadt Gródek.

Im Gedicht „Grodek“ verarbeitet Trakl seine Erfahrungen im ersten Weltkrieg. Es blieb sein letztes aber auch berühmtestes Gedicht - er verübte wenige Tage später am 4. November 1914 Selbstmord in einem Feldlazarett in Krakau mit einer Überdosis Kokain (Todesursache: Herzlähmung).

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