Johann Peter Hebel

Kürze und Länge des Lebens

Dumpf ertönte vom hohen Turm das Trauergeläute
Und der Leichengesang erscholl zum blumigen Hügel,
Wo Bathyll und Damötas, noch beide blühend dem Leben,
Beide kundig des Wechselgesanges, am Abhange saßen.
Dieser schaute jenen, der diesen schweigenden Blicks an,
Bis im stillen Verein, unaufgefordert vom andern,
Also Bathyll begann, und also Damötas ihm folgte.

   Bathyll:
Kurz ist dein Leben, o Mensch, in einem Jahre beginnt es,
Und im nämlichen fällts. — Einst sah dort die grünende Eiche
Gustav Adolfs Heer, sieht jetzt des gallischen Cäsars
Siegende Fahnen wehn und harrt noch auf spätes Ereignis.

   Damötas:
Lang ist dein Leben, o Mensch. In einem lachenden Monat
Ward die Blume des Hains; der nämliche Monat begräbt sie.
Kinder des lachenden Jahrs, buntfarbige Sylphen, die Ähre
Keimt schon im zarten Gras, doch seht ihr nicht mehr die Ernte.

   Bathyll:
Kurz ist dein Leben, o Mensch. Im kühnen Busen entfaltet
Sich ein umfassender Plan. Der wollt unsterbliche Lorbeer
Um die Schläfe sich winden; der Millionen sich häufen.
Kaum noch gekannt entschlief der eine; dürftig der andre.

   Damötas:
Lang ist dein Leben, o Mensch. Bescheiden baut sich das Hüttchen
Hier eine fleißige Hand, und ein genügendes Gärtchen.
Arm begann das junge Paar; es spendet das Alter
Reichen Segen des Fleißes den Kindern und blühenden Enkeln.

   Bathyll:
Kurz ist dein Leben, o Mensch. Bald ist der Becher der Freude
Ausgeschlürft. Es schwinden die fröhlichen Tage
Unter Gesang und Tanz. Es schwinden die fröhlichen Nächte,
Wie die leichten Wolken ziehn am herbstlichen Himmel.

   Damötas:
Lang ist dein Leben, o Mensch. Ihr einsamen Stunden der Trauer
Träufelt in bittern Sekunden langsam vom Dasein hernieder.
Auf dem Krankenlager, im öden stillen Gefängnis
Steht es drückend und schwer, wie das Gewitter im Sommer.

   Bathyll:
Kurz ist dein Leben, o Mensch. Am Grabe wendet der Pilger
Ins Vergangne den Blick. Ach über öde Gefilde,
Über verwelkte Blumen, nur wenige warens und arme,
Sieht er schon nahe dem Grabe noch stehn die verlassene Wiege.

   Damötas:
Lang ist dein Leben, o Mensch. Entsteigt der Säugling der Wiege,
Welche Bahnen vor ihm! Es wallt der ahnende Knabe
Blühende Höhen hinan. Weit dehnt sich dort sein Gesichtskreis,
Neues öffnet sich ihm, und ins Unendliche geht er.
Also sangen die Freunde. Es rauscht in dem nahen Gebüsche.
Aus dem Gebüsche trat mit heiteren Blicken Euphronos.
Lieblich, wie das Wiegen der Wipfel im Hauche des Zephyrs,
War mir euer Gesang. Ja kurz, ja lang ist das Leben.
Söhne, genießet es nur! o Söhne, nützet es weise,
Der hat lange gelebt, der froh und weise gelebt hat.