Johann Gottfried von Herder

Weihnachtsgesang

Die ganze Menschheit freue sich!
Du, der Mensch bist, freue dich!
Geboren ist der gute Hirt,
Der alle Völker weiden wird,
In Treu und Wahrheit.

Mit göttlich großem Königssinn
Gibt er sich zum Opfer hin;
Er nimmt auf sich die Last der Zeit;
Verachtung, Schmach, Undankbarkeit
Erwarten seiner.

Doch Gottesgeist belebet ihn!
Jedem Frevler wird er kühn
Die Larv' entreißen; suchen wird
Er das Verlorne, was verirrt
Ist, wiederbringen.

Sein Zeichen ist die Dürftigkeit,
Menschenhuld sein Ehrenkleid,
Erbarmen ziehet ihn heran:
Der Völker Heil ist seine Bahn
Zum Himmelsfrieden.

Drum singen froh willkommend ihm
Cherubim und Seraphim
Ihr "Ehre sei Gott in der Höh'
Und Fried' auf Erden! Leid und Weh
Wird Wohlgefallen!"

Wir stimmen der Willkommung ein:
Unser Hirte soll er sein,
In Wahrheit und Gerechtigkeit,
In Unschuld, Lieb und Freundlichkeit
Und Menschengüte.

Wer unser arm Geschlecht entehrt,
Ist nicht dieses Königs wert;
Wer Menschen hasst und betrübt,
Nicht statt des Bösen Gutes gibt,
Ist sein nicht würdig.

O stimmt der Engel Glückwunsch bei:
"Fried auf Erden! Friede sei
Den Menschen!" So ist Gram und Leid
Verschwunden. Unser Herz erfreut
Sein Wohlgefallen.