Johann Gottfried von Herder

Der Eistanz

Wir schweben, wir wallen auf hallendem Meer,
Auf Silberkristallen dahin und daher:
Der Stahl ist uns Fittich, der Himmel uns Dach,
Die Lüfte sind heilig und schweben uns nach.
   So gleiten wir, Brüder, mit fröhlichem Sinn
   Auf eherner Tiefe das Leben dahin.

Wer wölbte dich oben, du goldenes Haus,
Und legte den Boden mit Demant uns aus?
Und gab uns den flüchtigen Funken im Stahl,
Zu tanzen, zu schweben im himmlischen Saal?
   So schweben wir, Brüder, mit fröhlichem Sinn
   Im himmlischen Saale das Leben dahin.

Da stand sie, die Sonne, in Düfte gehüllt!
Da rauchen die Berge, da schwebet ihr Bild!
Da ging sie danieder, und siehe, der Mond,
Wie silbern er über und unter uns wohnt!
   So wallen wir, Brüder, mit fröhlichem Sinn
   Durch Mond und durch Sonne das Leben dahin.

Seht auf nun, da brennen im himmlischen Meer
Die Funken und brennen im Frost um uns her.
Der oben den Himmel mit Sonnen besteckt,
Hats unten mit Blumen des Frostes gedeckt.
   Wir gleiten, o Brüder, mit fröhlichem Sinn
   Auf Sternengefilden das Leben dahin.

Er macht' uns geräumig den luftigen Saal
Und gab uns in Nöten die Füße von Stahl
Und gab uns im Froste das wärmende Herz,
Zu stehn auf den Fluten, zu schweben im Scherz.
   Wir streben, o Brüder, mit ehernem Sinn
   Auf Fluten und Abgrund das Leben dahin.

Da kommt sie, die Göttin, und schwebet, ein Schwan,
In lieblichen Wellen hinab und hinan,
Gestalt, wie der Juno, mit rosigem Knie;
Die Lüfte, sie fühlen, sie tragen sie.

Im Schimmer des Mondes, im schweigenden Tanz
Wie fließet ihr Schleier, wie schwebet ihr Kranz!
Die liebenden Sterne, sie sanken hinab
Zum Schleier, zum Kranz, der sie liebend umgab.

Sie schwebte vorüber, da klang sie den Stahl,
Da klangen und sangen im himmlischen Saal
Die Sterne: da hat sich errötend ihr Bild
Wohin dort? in silberne Düfte gehüllt.