Paul Heyse

Waldbeeren

Tragt mir die Schale fort mit Walderdbeeren:
So schmerzlich süße Bilder wecken sie,
Daß ich der Tränen kaum mich kann erwehren.

Saß nicht beim Nachtisch stets auf meinem Knie
Das liebe Kind, mit ungeduldiger Bitte,
Als ich der Schmeichlerin den Teller lieh?

Und dann mit spitzen Fingern aus der Mitte
Die schönsten Beeren lesend, immer zwei
Für sich erwählte sie, für mich die dritte.

Oft zweifelt' ich bei mir, was röter sei,
Die Waldfrucht oder meines Kindes Lippen;
Was süßer, wüßt' ich wohl, das ist vorbei.

Nie wirst du mehr an meinem Glase nippen,
Nie mehr von meinem Teller mit mir naschen,
Nie mehr, Bachstelzchen, auf dem Schoß mir wippen.

Von meiner Zunge nicht hinweg gewaschen
Ist dieser bittre Schmack. Die Süßigkeit
Der Welt wird mir im Mund zu Salz und Aschen.

Denn, wenn ein Mahl begann in Fröhlichkeit,
Zum Nachtisch schleicht ein kleiner Gast ins Zimmer
Und stellt sich leise bittend mir zur Seit.
Und Nacht umdunkelt jeden Freudenschimmer.