Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Die Liebe

Eine Schale des Harms, eine der Freuden wog
Gott dem Menschengeschlecht; aber der lastende
         Kummer senket die Schale;
      Immer hebet die andere sich.

Irren, traurigen Tritts wanken wir unsern Weg
Durch das Leben hinab, bis sich die Liebe naht,
         Eine Fülle der Freuden
      In die steigende Schale geußt.

Wie dem Pilger der Quell silbern entgegen rinnt,
Wie der Regen des Mais über die Blüten träuft,
         Naht die Liebe: des Jünglings
      Seele zittert und huldigt ihr!

Nahm er Kronen und Gold, mißte der Liebe? Gold
Ist ihm fliegende Spreu; Kronen ein Flittertand;
         Alle Hoheit der Erde
      Sonder herzliche Liebe, Staub!

Los der Engel! Kein Sturm düstert die Seelenruh
Des Beglückten! Der Tag hüllt sich in lichtes Blau;
         Kuß und Flüstern und Lächeln
      Flügelt Stunden an Stunden fort!

Herrscher neideten ihn, kosteten sie des Glücks,
Das dem Liebenden ward, würfen den Königsstab
         Aus den Händen und suchten
      Sich ein friedliches Hüttendach.

Unter Rosengesträuch spielet ein Quell und mischt
Dem begegnenden Bach Silber. So strömen flugs
         Seel und Seele zusammen,
      Wann allmächtige Liebe naht.