Christian Hofmann von Hofmannswaldau

Gedanken bei Antretung des fünfzigsten Jahres

Mein Auge hat den alten Glanz verloren,
Ich bin nicht mehr, wie ich vor diesem war.
Es klinget mir fast stündlich in den Ohren:
Vergiß der Welt und denk auf deine Bahr.
Und ich empfinde nun aus meines Lebens Jahren,
Daß fünfzig schwächer sind als fünfundzwanzig waren.

Du hast, mein Gott, mich in des Vaters Lenden
Als rohen Zeug genädig angeschaut,
Und nachmals auch in den verdeckten Wänden,
Ohn alles Licht, durch Allmacht aufgebaut,
Du hast als Steuermann und Leitstern mich geführet,
Wo man der Wellen Sturm und Berge Schrecken spüret.

Du hast den Dorn in Rosen mir verkehret
Und Kieselstein zu Kristallin gemacht,
Dein Segen hat den Unwert mir verzehret
Und Schlackenwerk zu gleichem Erz gemacht.
Du hast als Nulle mich den Zahlen zugesellet.
Der Welt Gepränge gilt, nachdem es Gott gefället.

Ich bin zu schlecht, für dieses Dank zu sagen,
Es ist zu schlecht, was ich dir bringen kann.
Nimm diesen doch, den du hast jung getragen,
Als Adlern, jetzt auch in dem Alter an.
Ach, stütze Leib und Geist und laß bei grauen Haaren
Nicht grüne Sündenlust sich meinem Herzen paaren.

Denn führe mich zu der erwählten Menge
Und in das Licht durch eine kurze Nacht:
Ich suche nicht ein großes Leich-Gepränge,
Aus Eitelkeit und stolzer Pracht erwacht.
Ich will kein ander Wort um meinen Leichstein haben
Als dies: der Kern ist weg, die Schalen sind vergraben.