Wilhelm von Humboldt

Morgengruß der Geliebten

So wie ich Morgens auf die Augen schlage,
Die vielgeliebten Züge sie erblicken,
Die mir mit stillempfundenem Entzücken
Umkränzten einst des Lebens goldne Tage.

Der Mensch weiß nicht, was mit dem letzten Schlage
Des Herzens das Geschick ihm kann entrücken.
Der Tod geht um ihn her, wie dunkle Sage,
Die tausend Lebensklänge dumpf ersticken.

Wie anders sich erschloß des Morgens Pforte,
Als mir noch tönten ihrer Stimme Worte,
Als sie mit leisen, heißersehnten Tritten

In meine Kammer liebend kam geschritten!
O dieser Paradiesestage Wonnen,
Wie sind sie alle nun in nichts zerronnen!