Francis Jammes

Ich war in Hamburg

Übertragen von Ernst Stadler

      »Ich war vier Monde in Hamburg, dann im Haag.
      Ich nahm das Schiff nach London. Es lag
      Am 10. Jänner 1705 im Hafen. In zehen Jahren
      Und neun Monaten war ich nicht daheim. Zu einer größern Reise auszufahren,
      Rüst ich mich nun . . mit meinen zweiundsiebenzig Jahren,
      Nach einem Leben reich gesegnet mit Abenteuern und Gefahren.
      Ich ward genug umhergeschüttelt und verschlagen,
      Zu lernen, wie süß es ist, sein Leben in der Stille auszutragen.«

So steht’s geschrieben auf dem letzten Blatt
Von Robinson Crusoes Geschichte. Ein Duft wie von Muskatsträuchern hat
Von seinem wunderbar geblümten Rock sich losgemacht.
Das ferne Gewitter, das wie eine alte Schiffskanone kracht,
Läßt Albions Veste erzittern. Und auf dem Bild, darauf mein Auge blickt,
Sieht man den alten Seehelden, wie er über der Bibel sinnt und Dankgebete zum Himmel schickt.
Mitten auf dem Tische das Fernrohr steht,
Mit dem er einst die Spur der nackten Füße erspäht
An die Wand gelehnt friedlich beieinander weilen
Der Sonnenschirm und die Mütze aus Ziegenfell und der Bogen mit den Pfeilen
Und die Axt zum Entern und das Seemannsschwert.
Hier das Medaillon von Freitag. Und nahe dabei,
Gegen die Karte der verlassenen Insel gekehrt,
Ein Strohkäfig mit einem sehr grünen Papagei.
Wie du, Robinson, hab ich Sturm und Gewitter ertragen,
Sah, wie du, über meinem Kopf das Meer zum Himmel aufschlagen
In bleigrauen Wellenbergen. So wühlte
Der Orkan meiner Liebe, der das Deck überspülte,
Und warf mich auf die Knie und höhnte. Crusoe, Crusoe, das Meer
Und die Liebe sind Geschwister von altersher
Und beide glühen aus dörrenden Sonnen Brand
Auf unser Herz und höhlen es aus gleich einer Muschel am Strand.
Und die Taue knirschen und singen wie die Fraun,
Und in unserm Blut ist diese schwarze See, die schwillt
Und uns mit dem bittern Rauschen ihrer Wasser füllt.

Alter englischer Freund! Du warst der klügere, traun!
Von uns beiden. Denn wo auch dein Fahrzeug Schiffbruch litt,
Immer hattest du sauber geschnürt dein Bündel mit:
In Juan Fernandez und am Cap
Der guten Hoffnung. Klug und sorglich. O, ich hab’
Sie lieb, diese nüchterne und praktische Poesie,
Und ich liebe, Crusoe, deine Witwe, die,
Während du in der Ferne weiltest, dein Hab und Gut verwahrt.

Nun darfst du, da sie all die Jahre für dich gespart,
Friedlich die Tage, die dir noch bleiben,
In dem lieben grauen Hause wohnen, das meine Verse zu Anfang beschreiben.
Nichts hast du auf deiner Insel vergessen, alles ist wie immer zur Stell’:
Der Sonnenschirm und die Mütze aus Ziegenfell.
Was ich heimgebracht habe? — so wirst du fragen, —
Von der wüsten Insel, von der mich das Schicksal zurückgetragen?
Nichts, keine Ankerboje, keinen Käfig für die Hühner, nicht ein einzig kleines Ding.
Still! Laß dir erzählen, wie es geschah, daß mich die Brandung fing.

Es war im sanften April, wo der Frühling wie ein Meer
Sich den Vögeln auftut, verwegnen Ceylonschwimmern,
Die nach Perlen tauchen, die aus weißblauen Luftabgründen schimmern:
Rotkehlchen, Amseln, Lerchen und Nachtigallen —
Man hörte, von den Gärten der kleinen Häuser her,
Wie das Herz des Flieders aufbrach über den roten Pfirsichkorallen.

Oh, ich habe nicht an jene andern Korallen gedacht,
Die einst die goldne Perusa und ihren Stolz zu Falle gebracht.

Die Liebe und der Himmel und die Erde lagen, so schien es, im Traum beisammen.
Selig wie eine Nacht der Nächte sank die Nacht.
Aber bald begann das Duften der Obstblüte brünstiger aufzuflammen.
Da hab ich, Robinson, alle Gefahren vergessen
Des vergangenen Lebens und habe vermessen
Und unbedacht des Spruchs der Alten, die in ihren Rahmen träumen,
Nur begierig, ein neues Geschwader in den Wellen aufschäumen
Zu sehen, den Kompaß meines liebetollen Herzens hinausgedreht
Nach einer Insel, die schwer und ernst wie der Tag in den Wassern steht.

Die Insel war verzaubert und war nichts als ein Weib.

Die Stimme ihrer Vögel machte mich ihr zu eigen.
Andere haben mich betört mit Feuer und Vulkan.
Oh, ich liebte, Crusoe, die Berge, die von Yucatan
Unterm Meer fortlaufen, bis sie in den Antillen wieder zum Licht aufsteigen.
Mein Geschlecht hat unter jenen Mädchen gelebt, die mit ihren Händen
Die Flammen im Busen bedecken und lange Abschiedsküsse senden.
Aber hier hat mich nicht das Feuer, hier hat mich der Schnee versehrt,
Oh, ein Schnee, den kein hungriger Blitz jemals verzehrt,
Schnee, dessen klare Augen die unbewegte Macht
Des Feuers spiegeln, das ein Hirt im Winter mitten zwischen dem Eis entfacht.
O Crusoe, dies ist die Insel der wildesten Schrecken,
Denn mit ihrer Kälte weiß sie die Flammen in deinem Busen zu wecken.

Wie es geschah, daß ich dennoch heil die Flucht genommen?
O Freund, Virgil allein verstünde hier zu entkommen.
Denn der ganze große Ozean hält nicht so fest
Wie die eine sanfte Welle, die mich umschlang und nicht von sich läßt.
Jetzt denk ich wie du, mein Crusoe,
Daß es gut ist, in seinem Zimmer zu träumen!
Mein Kaffeekessel summt mir wie ein englischer Roman im Ohr.
Ich habe Liebesbriefe, die singen mir ihre Sehnsucht vor —
So hat dir, Crusoe, der große Ozean gesungen,
In dessen Reich deine herrliche Seele gedrungen.
Werd ich eines Tages wieder hinausziehn? Wer will es sagen?
Und dennoch sehn ich mich so, noch einmal die Arme zu schlagen
Um jene weiße Boje Weib und auf erregten Meeren
Inmitten hoher Wellen lachend wiederzukehren.
Alle Vögel dieses Märzmondes laden mich zur Liebe ein.
Heut’ Morgen, beim Erwachen, da sie die neuen Weisen probten, drang ihre Stimme zu mir herein.
Ein Sperling sprach mir lange zu. Was soll ich tun?
O kleine Vögel ihr, Rotkehlchen meiner Seele, euerm Sang
Kann ich nicht folgen . . . oder, ach! mir ist zu folgen bang.
Die Sträucher sind zu grün. Ich würde eure Lust beengen . . .
Erst müssen Schatten sich über die Wälder hängen.