Ida John

Prinz Karneval

Im Wald noch schläft die Anemone;
Kein Lied belebt das stille Thal,
Und sacht um Fels und Baumeskrone
Spinnt Einsamkeit den Märchenstrahl.
Doch heimlich hinter Band und Schleier
Pulst jungen Wachsens erste Spur;
Im Sturme küßt, ein kühner Freier,
Der Lenz die träumende Natur.

Da regt sich rings ein hold Erwachen,
Von Schöpfungshauchen zart umbebt,
Und tausend Wunderaugen lachen
Uns grüßend an: die Freude lebt!
»Prinz Karneval« entfliegt der Hülle,
Die seine Hoheit schwer umfing;
Frei schwebt in Glanz und Lichtesfülle
Des Jahres schönster Schmetterling.

Er gaukelt, lauter Duft und Flimmer,
Als König in der Freude Reich;
Die Welt verklärt sein goldner Schimmer:
Erlaubt ist alles, alles gleich.
Und steht im Schwarme trunkner Zecher
Ein freudlos Menschenkind allein,
Reicht Liebe ihm den vollen Becher:
Ein Zug, – und Himmel werden sein!

Mit Schellen und mit Pritsche lärmend
Durch alle Gassen streift der Witz;
Zur Leuchte wird, in Thorheit schwärmend,
Unsinnigster Gedanken Blitz.
Und spräng’ das letzte Glas in Scherben,
Was thut’s? Was brechen sollte, brach!
Fürs Heute muß das Gestern sterben;
Was morgen kommt, wer fragt danach?

Nur wer im Rausche der Verblendung
Dem Spiele zugesellt die Schuld,
Dem wird zum Fluch der Freude Sendung,
Der schaut sie nicht, des Königs Huld.
Rein sei die Hand, Lichtfluth zu schenken;
Dann deckt mit seiner grauen Ruh’
Kein Aschermittwoch das Gedenken
An einzig schöne Stunden zu.