Wilhelm Jordan

Sei mitleidsvoll

Sei mitleidsvoll, o Mensch! Zerdrücke
Dem Käfer nicht die goldne Brust
Und gönne selbst der kleinen Mücke
Den Sonnentanz, die kurze Lust.

Ein langes mütterliches Bilden
Hat rührend in der Larve Nacht
Gereift an diesen Flügelschilden
Den Schmelz von grün metallner Pracht.

Er muß nach einem Sommer sterben,
Wo du dich siebzig Jahre sonnst;
O laß ihn laufen, fliegen, werben,
Er sei so prachtvoll nicht umsonst.

Ein Wasserwürmchen lag im Moore,
Vom Himmel träumend, fußlos, blind.
Da wächst ihm Fuß und Aug; am Rohre
Ersteigt es Lüfte warm und lind.

Von Sommerglut getrocknet springen
Die Gliederschalen; blaue Höhn
Erstrebts auf zart gewöhnen Schwingen
Und summt: Wie schön! wie wunderschön!

Nun ists in seinen Himmelreichen;
Sein höchstes Glück - ein Tag umspannts.
So gönn ihm nun mit seinesgleichen
Den Elfenchor im Abendglanz.

Sei mitleidsvoll! Was wir erfuhren,
Das schläft im Stein, das webt im Baum.
Das zuckt in allen Kreaturen
Als Dämmerlicht, als Fragetraum.

Sei mitleidsvoll! Du bist gewesen,
Was todesbang vor dir entrinnt.
Sei mitleidsvoll! Du wirst verwesen
Und wieder werden, was sie sind.

Sei mitleidsvoll, o Mensch! Zerdrücke
Dem Käfer nicht die goldne Brust
Und gönne selbst der kleinen Mücke
Den Sonnentanz, die kurze Lust!