Ewald Christian von Kleist

Der gelähmte Kranich

Der Herbst entlaubte schon den bunten Hain,
Und streut' aus kalter Luft Reif auf die Flur:
Als am Gestad ein Heer von Kranichen
Zusammen kam, um in ein wirtbar Land,
Jenseits des Meers, zu ziehn. Ein Kranich, den
Des Jägers Pfeil am Fuß getroffen, saß
Allein, betrübt und stumm, und mehrte nicht
Das wilde Lustgeschrei der Schwärmenden
Und war der laute Spott der frohen Schar.

Ich bin durch meine Schuld nicht lahm, dacht er,
In sich gekehrt, ich half so viel als ihr
Zum Wohl von unserm Staat. Mich trifft mit Recht
Spott und Verachtung nicht. Nur ach! wie wirds
Mir auf der Reis' ergehn! Mir, dem der Schmerz
Mut und Vermögen raubt zum weiten Flug!
Ich Unglückseliger! das Wasser wird
Bald mein gewisses Grab. Warum erschoß
Der Grausame mich nicht? - Indessen weht
Gewogner Wind vom Land ins Meer. Die Schar
Beginnt, geordnet, itzt die Reis', und eilt
Mit schnellen Flügeln fort und schreit vor Lust.
Der Kranke nur blieb weit zurück, und ruht'
Auf Lotos-Blättern oft, womit die See
Bestreuet war, und seufzt' vor Gram und Schmerz.
Nach vielem Ruhn sah er das bessre Land,
Den gütgern Himmel, der ihn plötzlich heilt.
Die Vorsicht leitet ihn beglückt dahin;
Und vielen Spöttern ward die Flut zum Grab.

Ihr, die die schwere Hand des Unglücks drückt,
Ihr Redlichen, die ihr, mit Harm erfüllt,
Das Leben oft verwünscht, verzaget nicht
Und wagt die Reise durch das Leben nur:
Jenseit des Ufers gibts ein besser Land;
Gefilde voller Lust erwarten euch.