Karl Theodor Körner

Durch!

Eine Petschaft mit einem Pfeil, der auf eine Wolke zufliegt,
und mit der Unterschrift »Durch!« gab Gelegenheit zu diesem Gedichte.

(1813)

Wie dort im Nebelkranze,
Voll finstrer Majestät,
Die schwarze Wolkenschanze
Am Firmamente steht!
Die Feuerkugeln sprühen
Aus ihrem dunklen Schoß,
Und Zackenflammen glühen,
Und Donner brechen los.

Und vor dem Zorngerichte
Kniet armer Sünder Zahl:
»Herr Zebaoth, vernichte
Nur nicht mein stilles Tal!
Das ganze Volk erschlage,
Rotte die Menschheit aus!
Nur laß mir meine Tage
Und mein Kind und mein Haus!«

O liegt nur im Gebete,
Feig in den Staub gebückt,
Daß euch der Gott zertrete,
Der in den Blitzen zückt!
Die Glocke in dem Sturme,
Die zum Gebete ruft,
Lockt erst nach ihrem Turme
Die flammenschwangre Luft.

Und eine andre Menge
Steht, dem Verderben nah,
Mit blitzendem Gepränge
In Waffenrüstung da.
Wie sie noch ohne Grauen
Ganz ruhig fürder ziehn
Und nach den Blitzen schauen,
Die immer näher glühn!

Was soll das ew'ge Zaudern?
Hier hilft nur rasche Tat,
Die kraftvoll ohne Schaudern
Das Schlangenhaupt zertrat.
Soll euch die Rüstung schützen?
Sonst wehrt sie wohl den Streich;
Jetzt ruft sie nach den Blitzen,
Ruft Rache über euch.

Nein, frisch! Ein freudig Siegen
Kommt nur nach heißer Schlacht.
Seht ihr den Pfeil dort fliegen?
Der bricht der Wolken Nacht.
Durch muß er, durch! – Der Bogen
Schonte die Sehne nicht;
Der Pfeil ist durchgeflogen,
Schwimmt nun im Sonnenlicht.

Durch, Brüder, durch! – Dies werde
Das Wort in Kampf und Schmerz!
Gemeines will zur Erde,
Edles will himmelwärts.
Soll uns der Sumpf vermodern?
Was gilt der Wolkenbrand?
Drum laß den Blitz nur lodern!
Durch! – Dort ist's Vaterland!