Karl Theodor Körner

Berglied

Glück auf! Glück auf in der ewigen Nacht!
   Glück auf in dem furchtbaren Schlunde!
Wir klettern herab durch den felsichten Schacht
   Zum erzgeschwängerten Grunde.
Tief unter der Erde, von Grausen bedeckt,
Da hat uns das Schicksal das Ziel gesteckt.

Da regt sich der Arm, der das Fäustel schwingt;
   Es öffnen sich furchtbare Spalten,
Wo der Tod aus tausend Ecken uns winkt
   In gräulichen Nebelgestalten.
Und der Knappe wagt sich mutig hinab
Und steigt entschlossen ins finstere Grab.

Wir wandern tief, wo das Leben beginnt,
   Auf nie ergründeten Wegen.
Der Gänge verschlungenes Labyrinth
   Durchschreiten wir kühn und verwegen.
Wie es oben sich regt im Sonnenlicht,
Der Streit über Tage bekümmert und nicht.

Und wenn sich Herrscher und Völker entzwein
   Und dem Ruf der Gewalt nur gehorchen,
Nationen im blutigen Kampf sich bedräun,
   Dann sind wir geschützt und geborgen.
Denn wem auch die Welt, die entflammte, gehört,
Nie wird in der Tiefe der Frieden gestört.

Zwar ist uns wohl manch gräßlicher Streit
   Im Dunkel der Schächte gelungen;
Wir haben die Nacht von Geistern befreit
   Und den mächtigen Kobold bezwungen
Und bekämpft das furchtbare Element,
Das in bläulicher Glut uns entgegenbrennt.

Zwar toben uns tief, wo nichts Menschliches wallt,
   Die Wasser mit feindlichem Ringen;
Doch der Geist überwindet die rohe Gewalt,
   Und die Flut muß sich selber bezwingen.
Bewältigt gehorcht uns die wogende Macht,
Und wir nur gebieten der ewigen Nacht.

Und still gewebt durch die Felsenwand,
   Erglänzt das Licht der Metalle,
Und das Fäustel in hoch gehobener Hand
   Saust herab mit mächtigem Schalle,
Und was wir gewonnen im nächtlichen Graus,
Das ziehen wir fröhlich zu Tage heraus.

Da jagt es durch alle vier Reiche der Welt,
   Und jeder möcht' es erlangen;
Nach ihm sind alle Sinne gestellt;
   Es nimmt alle Herzen gefangen;
Nur uns hat nie seine Macht betört,
Und wir nur erkennen den flüchtigen Wert.

Drum ward uns ein fröhlicher, leichter Mut
   Zugleich mit dem Leben geboren;
Die zerstörende Sehnsucht nach eitlem Gut
   Ging uns in der Tiefe verloren.
Das Gefühl nur für Vaterland, Lieb' und Pflicht
Begräbt sich im Dunkel die Erde nicht.

Und bricht einst der große Lohntag an,
   Und des Lebens Schicht ist verfahren,
Dann schwingt sich der Geist aus der Tiefe hinan,
   Aus dem Dunkel der Schächte zum Klaren,
Und die Knappschaft des Himmels nimmt ihn auf
Und empfängt ihn jauchzend: »Glück auf! Glück auf!«