Karl Theodor Körner

Der Morgenstern

Stern der Liebe, Glanzgebilde,
   Glühend wie die Himmelsbraut,
   Wanderst durch die Lichtgefilde,
   Kündend, daß der Morgen graut.

Freundlich kommst du angezogen,
   Freundlich schwebst du himmelwärts,
   Glitzernd durch des Äthers Wogen,
   Strahlst du Hoffnung in das Herz.

Wie in schäumenden Pokalen
   Traubenpurpur mutig schwellt,
   So durchleuchten deine Strahlen
   Die erwachte Frühlingswelt.

Wie im herrlichen Geschiebe
   Sich des Goldes Pracht verschließt,
   So erglänzt du, Stern der Liebe,
   Der den Morgen still begrüßt.

Und es treibt dich nach den Sternen,
   Hell im Dunkel zu erglühn.
   Über Berge, über Fernen
   Möcht' ich einmal mit dir ziehn.

Faßt mich, faßt mich, heil'ge Strahlen,
   Schlingt um mich das goldne Band,
   Daß ich aus den Erdenqualen
   Fliehe in ein glücklich Land!

Doch ich kann dich nicht erfassen,
   Nicht erreichen; stehst so fern!
   Kann ich von der Sehnsucht lassen?
   Darf ich's, heil'ger Himmelsstern?