Paul Kraft

Die Entschwundene. II.

Ich denke manchmal, daß das keiner kennt:
Dies rasende Geglüh aus tausend Türen,
Und daß dies so gering ist, was uns trennt,
Und zu gering für mich, dich zu verlieren.

Ich denke manchmal, daß dies nie gefühlt:
Wie mich dies Zittern hoch und höher hebt,
Und dieses Dumpfe, das mich niederwühlt,
Mich plötzlich trägt und sanft mit mir entschwebt.

Wie ein Gesicht dies alles in mich wirft,
Kein Wort, kein Kuß, keine Vereinigung,
Nicht Nähe, die geheime Wollust schlürft
Und sich entfacht zu ungeheurem Schwung.

Nicht, daß ihr Kleid mich leise je gestreift,
Ich ihre Haut je im Gedräng’ gespürt
Und ihre Hand, die in die Sterne greift,
Jemals die meine hat berührt:

Ein Lächeln nur, ein Blick, auf mich gerichtet,
(War er auf dich gerichtet? Träumst du nicht?)
Ein Auge, aus dem süßen Stoff gedichtet,
Der aus dem Auge meines Gottes bricht,

Beisammensein im gleichen hellen Raume,
Wo du mit deinem Blick sie überfielst,
Ein süßes, liebes Trostes-Wort im Traume,
Das du noch immer in dir brennen fühlst:

Das war Erleben, das noch nie erlebt,
Und war ein Beben, das noch nie gebebt
Und war ein Höher-zittern, Höher-schwellen
Und war ein Taumeln über goldene Wellen

Und war ein Überfließen und Sich-sehnen
Und war ein Stützen und ein Höher-wehn
Und war ein Abend-Glück in Lust und Tränen
Und war ein Morgen-Gang in Laub und Seen

Und ist dies heut in mir wie nie zuvor
Und reißt mich, schwingt mich wie noch nie empor
Und fährt noch einmal mit mir durch die Lüste,
Mit denen damals mich mein Dämon küßte.

Was heißt Verlieren? Gibt es ein Verlieren?
Entschwinden? Denn wo gibt es ein Entschwinden,
Da ja der Brand, den deine Genien schüren,
Sich dir wohl steigern kann, doch nicht entwinden?

Was heißt Entferntsein? Gibt es ein Entferntsein?
Ist sie denn nicht unendlich in der Nähe,
Damit sie dich wie Purpur überwehe
Und deiner Himmel nächtliches Besterntsein?

Ein Ruck, und die Gedanken sind beisammen,
In die du ihre Blondheit hast geballt
Und wie noch nie in solchen süßen Flammen
Erstrahlt dir ihre adlige Gestalt,

Ist da und überschwemmt dich mit Gezitter
Und wirft dich tiefer in das Meer der Lust.
Der Gott erklirrt aus Wolke und Gewitter,
Die Luft vergoldet sich, einstürzt das Gitter
Und über das Gestürzte: — Fleisch und Flitter —
Strömt die erfüllte Sehnsucht in die Brust.

Ein Sonnenaufgang färbt das Firmament,
Da ist ihr Stuhl, und da geht sie entlang,
Wiegend, tanzend, in leicht’ und goldenem Gang,
Betaut von Licht und rosenem Gesang,
Und sacht in dir den glühenden Überschwang,
Der selig donnert, daß dies keiner kennt.