Ernst Lissauer

Der Glockenschlag

Aus dem Läuten der Glocken hinab in mein Haus scholl mir ein Rufen:
Hoch über Erde und Zeit halte gesegnete Rast!
Ich stieg empor über hunderte Stufen
Und kam in die Glockenstube zu Gast.

Da sitzen.
Wie von weißen und gelben Vögeln umflogen
Von Wolken und Blitzen,
Zwischen den leeren Fensterbogen,
ln ehernen Mänteln eherne Frauen
Und schauen
Die Runde
Und wissen das Land und wissen die Stunde.

Und schweigen lange,
Bis eine dann anhebt mit lautem, weissagendem Munde,
Mein Haupt lauscht
Und füllt sich schwer mit dem bebenden Klange,
Und ehern berauscht
Wird es aufgetan von der hämmernden Kunde
Und vernimmt alles Geschehn in der tönenden einen Sekunde.

Marschtritt trommelt, wirbelnd drehn sich Turbinen,
Durch Berge und Städte hör' ich die Ströme rollen,
Tausende Züge dröhnen auf langhinhallenden Schienen;
Mütter schreien in Wehn,
Schlagende Wetter zucken donnernd im Stollen,
Unendlich höre ich Füße über die Erde gehn ...

Aussummt
Die Glocke und ist verstummt, —
Erwacht aus dem Schlag,
Wissend schau’ ich erstaunt auf den verworrenen Tag.