Ernst Lissauer

Aus dem großen Bauernkrieg

Gesang der Bauern

Mit Hämmern und Sicheln, mit Hacken und Sensen, getreuliche Knechte,
Einen Dienst zu dienen den gnädigen Herrn und ihrem Geschlechte,
Wir ziehn von Schloß zu Schloß landum.

Wir tragen ein neu Gerät in unsern Händen,
Das soll uns die Zeiten wie Schollen umwenden,
Wir tragen mit uns das Evangelium.

Wir ließen in Brache verdorren das eigene Feld,
Wir haben wie Weinberge die Wollust der Herren bestellt,
Wie prangen die Trauben nun firn und fein!

Wir kommen mit Scheren und Messern,
Wir kommen mit Pressen und Fässern,
Wir kommen, zu keltern den Herrenwein.

Wir tragen Feuer, den Herrn zu erleuchten die Mitternacht,
Breite Fackeln sind ragend im Land entfacht,
Feld bei Feld verlobt, Schloß bei Schloß verbrennt.

Wir tragen ob uns Morgenstern und Sichelmond,
Über unserer Fahrt wohnt
Gott in erznem Firmament.

Jesus und die Bauern

Hart klirrte Lärm, wirr gellte Gesang,
Haufen Bauern zogen das Eichsfeld entlang.

Am leeren Himmel die Sonne schien;
Thomas Münzer ritt vorn, Schweigen war um ihn.

Doch sacht aus der flimmernden Leere wuchs eine Wolke
Und wanderte groß über dem wandernden Volke.

Da war es Thomas Münzer, als ward zu Erz ihm Rumpf und Gewand,
Der Gaul hieb und stand,

Jäh schrak
Er auf und sah, daß ringsum Schatten lag,

Und da er gen den Himmel aufhob sein Angesicht,
Fiel ab die Last, die Wolke glänzte licht,

Er aber aufgereckt, wie eine Posaune stark rollte den Ruf übers Geländ':
»Evangelische Brüder, sehet das Firmament!«

Tausend Augen sahn,
Tausend Blicke wurden aufgetan.

Hoch in der rastenden Wolke
Ein Bauer stand ob dem schauenden Volke.

Seine Rechte stieß eine Sichel flimmernd vor,
Seine Linke hielt eine Fahne steil empor,

Und die tausend Bauern sahen den Himmel an:
Da droben steht Herr Jesus Christus als unser Feldhauptmann.

Ein Wind sprang auf, die Wolke glitt,
Unten zogen die Haufen mit.

Sie zogen dahin, langsam, schweigsam, schwer, —
Herrn Jesu evangelisch Heer.