Ernst Lissauer

Der Gasthof zum Feuer

Eingekerbt über dem bogigen Tor,
Glimmen drei Bänder Brand,
Die weisen flackernd zu Stuben und Sälen empor.
Brennrote Fenster gleißen in jahrschwarzem Gemäuer,
Mit Flammen ist gemalt an die Wand:
Dies Haus ist genannt:
»Gasthof zum Feuer.«

Feuer kauert im Stein
Und greift lang
Mit langendem Schein
Den Gästen nach Haupt und Gang.
Immer in den durchglühten
Mauern umirrt Geknister, —
Hier möge der Freund sein Weib vor dem Freund behüten,
Und das Geschwister hüte sich vor dem Geschwister.

Weit rankende Lohen wehn
Um die hölzernen Lagerstätten,
Die Schläfer sehn
Flammen um ihren Schlummer stehn
Und wälzen sich heiß in den Betten.

Feuer fasert um Tische und Stühle,
Feuer hängt in den Falten der Tücher und Decken,
Flimmer
Stäubt in den Winkeln und Ecken, —
Sacht schlingt es sich über die Diele,
Zerschmilzt die Tür zwischen Zimmer und Zimmer,
Schleicht, packt,
Frißt von den Menschen die hüllenden Schlafgewänder,
Spinnt brennende Bänder
Gewunden glühend um Brüste und Leiber,
Und zieht nackt,
Daß sie wandeln wie süchtig von einem rotbösen Mond,
Der irr an den Decken wohnt,
Zueinander Männer und Weiber.