Ernst Lissauer

Seele (1-2)

1

O du meine Seele, die du beglückst mein Blut, meinen Leib, all mein atmendes Sein,
Du fliegst auf in die Welt, und die Welt wird mein,
Menschen und Fluten und Felsen und Sterne, —
Froh badest du dich in aller Nähe und Ferne.

O du meine Seele, wie fühl ich dich reisen!
Bebende Luft ist spürend, ist bindend zwischen uns ausgespannt ...
ln Schmiedhämmern pochst du: ich klinge hart wie schlagende Eisen —
Über Abendsteppe hin treibst du: ich verdämmere weit wie ein Land —
Gier glimmt in mir wie in lauernden Tigerpranken —
Ich zacke steil wie gletscherne Firne —
Es wehklagt in mir Fieberglut eines Kranken —
Ich gleite am Firmament wie Trümmer zerborstner Gestirne —

O du meine Seele, du sollst mir niemals wiederkehren!
Du sollst wandernd wie Wind dich mit Samen von Welt beschweren.

2

Bisweilen um Mitternacht, Seele, sitzen wir zu zwein
Über einem alten Liede wie bei einem alten Wein.
Rings Schlummer und Stille, wir sitzen, Mann vor Mann.
Wir schaun uns lang in die Augen. Wir klingen an.