Wolfgang Madjera

Der Wienerwald

Es haben die weißen Gipfel,
Von ewigem Grün umspannt,
Ein Heer gar prächtiger Wipfel
Zur Stadt hinabgesandt.

Bald wogt es auf Bergesrücken
Und winkt aus den Tiefen bald —
Das Herz grüßt mit Entzücken
Den herrlichen Wienerwald.

Er ist nicht, wie die andern,
Eintönigen Formen treu;
Du magst ihn lange durchwandern:
Er bleibt dir immer neu.

Im dämmernden Buchensaale
Umfängt er dich fromm zum Gebet;
Doch nachts im blumigen Tale
Der Tanz der Elfen sich dreht.

Auf mosigem Felsengehänge
In Föhren die Sonne glüht;
Im Grund unter Blütengedränge
Das Mühlrad Perlen sprüht.

Es leuchtet zwischen den Wäldern
Sanft lispelnd goldenes Korn,
Es necken sich in den Feldern
Maßlieb und Rittersporn.

Doch auf entlegener Aue
Wächst, kühl vom Bächlein betaut,
Genziane, die wunderbar blaue,
Und zauberisch Farrenkraut.

Und ruhst du am Waldesrande
Und träumst von der Waldesfee,
Dann zieht im braunen Gewande
Zur saftigen Matte das Reh.

Und grast mit gebog'nem Genicke,
Horcht auf, sieht nach dir um
Und prüft dich mit langem Blicke
Und neigt sich wieder stumm.

O tiefes, heiliges Schweigen,
In dem ich den Frieden fand
So oft nach dem tollen Reigen,
Mit dem die Welt mich umwand!

O Vogelgejauchz und Geflöte,
Wenn langsam die Sonne versinkt
Und feierlich Abendröte
Durch Blätter und Stämme blinkt!

O wounderseliges Lauschen,
O wonnenolles Vergeh'n,
Und unter Windesrauschen
Ein Ahnen von Aufersteh'n!

Sei mir, dem sorgenbeladen
So reich du das Leben versüßt,
Du Wienerwald voll der Gnaden,
Aus heißer Seele gegrüßt!