Wolfgang Madjera

Einsamkeit

O Einsamkeit, nach der die Seele schmachtet
Im Waffenlärm und Bachanal der Welt,
Wie preis' ich dich, vom breiten Troß verachtet,
Dem ernsten Geist als liebste Braut gesellt!

Aus deinem Schweigen tauchen alte Lieder
Vom längst uerlor'nen Paradies empor.
In deinem Rauschen hallt kein Echo wieder
Von der Gemeinheit schrillem Hexenchor.

In deinem Grau'n verliert sich alles Bangen,
Zu dem entnervende Kultur erzog;
Dein Liebeskuß lockt Rosen auf die Wangen,
An denen Winterfrost vorüberflog.

Du kühlst die Wunden, die uns Menschen schlugen;
Das Herz, das wir aus einer rauhen Zeit
In deine Schatten trostbedürftig trugen,
Heilst du, gebenedeite Einsamkeit!

Du bist die Freundin göttlicher Gedanken,
Von dir umschauert quillt hervor der Born,
Aus dem der Dichtkunst hohe Priester tranken
Bevor sie stießen in ihr Wunderhorn.

Glaub' ich im Joch des Alltags zu erliegen
Und zu uergeh'n in Erdenlust und Streit,
Stählt ein Gesundbad mich zu neuem Siegen:
ln deine Tiefen stürz' ich, Einsamkeit!