Wolfgang Madjera

Symphonie

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Meinem lieben Hans Wagner gewidmet.

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1. Satz

Maestoso; Allegro.

Lodernd im Strahle des Morgens, breit und herrlich
Zieht er dahin;
Zwischen waldumdämmerten Einsamkeiten
Walzt sich der Strom.

Aber von ferne wachsend Getös und Gebrause
Kündigt sich an,
Wolken sprühender Perlen dampfen zum Himmel
Schillernd empor.

Und in siebenfarbigem Bogen gaukelnd
Wölbt sich ein Tor
Über des felsenumstarrten, schaurigen Rachens
Gähnendem Rand.

Und er kommt, und im reichen Gefühl seiner Allmacht
Wogt ihm die Brust,
Über den Abgrund gespannt ein Tor des Triumphes
Glaubt er zu schau'n —

Eiliger naht er — da weicht das Gestein, da eröffnet
Steil sich die Gruft,
Und mit donnerndem Aufschrei verschlingt ihn der Tiefe
Grausiger Schlund.

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2. Satz.

Adagio.

Schwarz und furchtbar wie Gewitternacht
Ragt ein Riff aus veilchenblauer Flur,
Wie zum Todesmonument erdacht
Für die frühlingsfröhliche Natur.

Stolze Burg, in deren finst'rem Bau
Sonst sich barg des Adlers kühne Kraft,
Wirst du nun sein Grab, da aus dem Blau
Ihn des Jägers Pfeil herabgerafft?

Dunkler Abendröte Flammenglast
Loht vor seinem königlichen Horst,
Und von wilder Sehnsucht Qual erfaßt
Rauschen hört er unter sich den Forst;

Und die Schwingen, die der Pfeil zerschoß,
Fühlt er wie von alter Kraft geschwellt,
Aus dem Blut, das von den Wunden floß,
Hebt er sich — da strahlt die schöne Welt

Einmal noch zu seinen Füßen auf,
Über ihm des Äthers Region,
Die er sonst durchstürmt im Siegeslauf,
Ringsum Freiheit, Klarheit, Glanz, Ozon - -

Und indeß das Auge gierig trinkt,
Bricht das Herz, die inn're Glut verlischt
Und der müde Körper niedersinkt
in des Wasserfalles weißen Gischt.

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3. Satz.

Scherzo.

Juheissa!  Juheissa!  Das wiegt sich und springt,
Der Arm um den zuckenden Leib sich schwingt;
Zum Takte der Fiedel, zum Klang der Schalmei
Erzittert der Boden, tönt jauchzender Schrei. —

Und unten rauscht des Stromes Einerlei. —

»Du goldblondes Mädel, dich hab' ich so gern,
O komm' in die Büsche, dem Wirbel hübsch fern,
Daß endlich mein Schmachten gesättigt sei!
Du weit ja, 's ist Hochzeit im nächsten Mai!« —

Vom Strome rauscht's, wie ew'ge Melodei. —

»Mein Bursch, du bist klug, aber klug bin ich auch:
Verbot'nes zu naschen ist nicht mein Gebrauch.
Willst Blumen du pflücken, erwarte den Mai —
fein artig, geduldig und nur nicht zu frei!« —

Den toten Adler trägt der Strom vorbei. —

Und heissa!  Juheissa!  Das wiegt sich und springt,
Der Arm um den zuckenden Leib sich schlingt;
Zum Takte der Fidel, zum Klang der Schalmei
Erzittert der Boden, tönt jauchzender Schrei!

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4. Satz.

Presto.

Es sausen die Räder, es klirren die Ketten,
Es kreisen die Riemen in eisernen Betten,
Hämmer, sie pochen, Wasser, sie zischen,
Dämpfe mit sprühenden Funken sich mischen.

Und in dem Gewirre, in dem Getriebe,
Wirkt stumm der Mensch,
Im Herzen seine grolle, dunkle Liebe.

Die Hebel kreischen, es knarrt der Krahn,
Es rasseln die Wagen auf stählerner Bahn,
Glocken, sie klingen, Pfeife, sie schrillt,
Rauch aus eherner Nüster quillt.

Und in dem Gequalme, in dem Getose
Weint stumm der Mensch
Nach süßen Düften einer Sommerrose.

Das Meer braust auf, es rauscht in den Masten,
Im Schiffe ruh'n die gehäuften Lasten;
Mächtig beginnt es die Flügel zu schlagen,
Schweißes Werk in die Fremde zu tragen.

Und am Strande, den Blick in weiten Fernen,
Steht stumm der Mensch
Und träumt von ew'gen, stillen Friedenssternen!