Wolfgang Madjera

Wie Liebe wählt

Mir träumte jüngst: Ich stand vor meinem Schöpfer,
In gnadenvoller Stunde vorgerufen,
Mir selbst zu küren meines Lebens Los.

Im Flammenharnisch ragte Michael,
Ein Riese, der in seiner dunklen Faust
Die gold'ne Wage der Geschicke hielt.

Nun schleppte der beschwingten Geister Schar
Auf sein Geheiß herbei, was der Gedanke
Der Staubgebor'nen sich an Seligkeit
Ersinnen mag: Die Schätze, die im Schoß
Der Erde und des Meeres ruh'n, die Sterne,
Die funkelnden, des Ruhms, die Silberkrone
Des Alters und den grünen Zauberstab
Der unversieglichen Genießensfreude.

Indes die eine Schale so sich füllte,
Schwoll in der andern, was den Menschen schreckt:
Es klirrt zum Bettelsack die Kerkerkette,
Aufkreischend fliegt des Neides gelber Teufel
Darein, wo der Entsagung Dornen starren,
Des Hasses Molche gift'ge Bäuche bläh'n
Und sich im Schlangenknäuel das Gespenst
Der Pest verbirgt.

Da schwebt auf Engelsarmen
In einer Rosenwolke morgenschimmernd
Ein lieblich Frauenbild heran. Doch wehe!
Zu Pest und Teufel senken sie's hinab.

Und nun erscholl ein Donnerzuruf: »Wähle!«

Da wich die Blendung, die das holde Bildnis
Umflossen hielt, und ich erkannte — dich!
Ich aber ohne jegliches Besinnen
Stieß mit der Rechten in die Erdenschätze,
Daß sie hinaus ins weite Weltall stoben,
Umklammerte die Schale, welche sank,
Schwang mich hinein und zog dich an mein Herz!