Wolfgang Madjera

Die Lebensalter

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1.

Kindheit.

Glückselige Kinder!
Ihr tragt noch das Haupt
Der blumenreichen,
Der frühlingsprossenden
Erde näher
Und euren Augen,
Den kaum erschloss'nen,
Ist keines verborgen
Der ungezählten,
Bunten Gestirnchen,
Die uns die liebende
Mutter Natur auf die Wege gestreut.

Glückselige Kinder!
In euren Augen
Spiegelt die Welt sich
Als leuchtendes Märchen;
Ein großes Gedichtbuch
Ist euch die Erde,
Die uns anderen nur voll schwarzer,
Tötender Zeichen steht.
Euren Ohren
Erklingt jedes Wort
Wie Offenbarung
Geheimer Gewalten.
Euren Lippen
Entschwebt das Lachen
Unverfälscht,
Wie Glockengetöne,
Wie einer Lerche
Himmlisches Jubellied.
Eure Herzen
Sind Paradiese noch,
Ruhend im Sonnenglanz
Ewigen Lenzes;
Naht eine Wolke
Fernher drohend,
Zerrinnt sie im Ätherblau.

Denn die Gottheit
Eurer Unschuld
Spannt ihre segnenden
Fittige weithin,
Weithin aus
Und scheucht alle Leiden,
Daß sie wie Schatten
Kommen und geh'n
Und nicht ihre Spuren
Wühlen in's zarte Gebild eurer Seele.

Glückselige Kinder!

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2.

Jugend.

Jugend!
Herrliche, heilige Jugend!
Selig stürz' ich
In deine erschlossenen,
Heißen Arme;
An deinem Busen,
Dem rosig sprießnden,
Lieg' ich in frommen,
Trunkenen Schauern,
Lausche dem Schlage
Des klopfenden, stürmenden,
Dürstenden Herzens
Und ahne Gott!

Wie es gedrängt
In duftenden, rauschenden
Blütenwolken
Um's Haupt mir wächst!
Wie es mein Ohr
Umklingt in strömenden,
Süßen, begehrenden,
Sehnsuchtseufzern!
Wie es mich hebt,
Ein weiches Gewoge,
Wie eines Schwanes
Blendender Fittig,
Himmelan,
Der Sonne entgegen!

Ja, du allein,
Du prangende Jugend,
Ja, du lebst
Und gibst uns das Leben,
Das verlorene,
Reicher zurück.
Feuer flutet
In deinen Adern;
Freiheit leuchtet
Aus deinen Augen;
Stärke, Schönheit und Liebe gießen
All ihre Zauber
Hold verführerisch
Dir um die Glieder.

Betend lieg' ich vor dir im Staube,
Ewig werdende,
Ewig liebende,
Welterhaltende,
Herrliche Jugend.

Laß' in deine
Tiefen, begeisterten,
Überirdischen Augen mich tauchen,
Wenn meiner Seele
Atem erstirbt;

Wenn ich verzweifle,
Gib mir du
Wieder des Glaubens
Himmelsgeschenk.
Denn in dir,
Du heilige Jugend,
Schau' ich des Gottes erhabenes Wirken,
Seh' ich ihn
Voll Kraft und voll Gnade
Unvergänglich
Schöpferisch glüh'n!

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3.

Alter.

An tastendem Krückstock
Schleicht es heran.
Mit eiseskalten,
Knöchernen Händen
Greift es dein Haar —
Das erbleicht;
Streift deine Glieder
Sie wanken.

Dann in der Augen
Leuchtende Sterne
Bläst es den Atem,
Schneidend, frierend -
Und sie erlöschen.
Ade, du Welt!
Ströme von Licht
Und freundliche Bilder,
Die ihr die Seele
Angefüllt
Mit rastlosem Leben;
Grau und erbleichend
Verglimmt ihr im Nebel
Auf ewig ade!

Endlich sachte
Klammern die Finger
Wie eisige Würmer
Sich um das zitternde,
Zuckende Herz —
Es erfriert,
Und mit ihm alle
Hohen Gefühle,
Alle Begeisterung,
Alles, was liebend
Geglüht und geatmet —
Auf ewig ade! —

Straft mich nicht,
Ihr waltenden Mächte;
Lßt mir nicht
Die grünende Krone
Langsam vergilben,
Blatt für Blatt;
Laßt mich nicht
Als eines Menschen
Morsche Ruine
Zusammenstürzen,
Meiner Seele
Tod überlebend.

Nein, im Sturme
Schickt mir den Tod!
Mag er mich brechen,
Solang der Erde
Nährende Säfte
Trunken mir durch die Adern jagen!
Mag er mich brechen,
Solang der Himmel
Sphärengesänge im Ohr mir klingen!

Komme der Sturmwind,
Komme der Tod!
Nur vor des Alters
Entmenschenden Schrecken
Gnädig, ihr Himmlichen,
Schützet mein Haupt!