Wolfgang Madjera

Wie Schön-Crothild gefreit ward

Eine altfränkische Sage.

Des Münsters dunklem Bogenrund
Bricht Maienglanz hervor;
Die schönste Jungfrau von Burgund,
Crothild, steht hoch am Tor.

Wohl ist's des Himmels Widerschein,
Der ihr im Auge blaut,
Wie sie auf Erdennot und Pein
Voll Milde niederschaut.

Denn keiner aus der Bettlerschar,
Die drängend ihr sich naht,
Bei jenem süßen Augenpaar
Umsonst um Hilfe bat.

Doch sieh! Was ficht den Einen an,
Der vorn, der Erste, kniet,
Daß er die Hand, ihm aufgetan,
Heiß an die Lippen zieht?

O Arm, so weiß wie Schwanenflaum!
Von dieses Bettlers Not
Bist du bis an den Mantelsaum
Erglüht wie Morgenrot.

Erschrocken bis ins Herz hinein
Flieht Schön-Crothilde fort. —
Doch auf der Burg im Kämmerlein
Spricht sie zur Magd dies Wort:

'Den Bettler, der an Tores Rand
Sich bis zur Erde bog
Und so verwegen meine Hand
An seine Lippen zog,'

'Dem unter dem zeriss'nen Hut
Wallt gold'ner Locken Zier
Und funkelt finst'rer Augen Glut,
Den führe her zu mir.'

Und in die Kemenate tritt
Der Bettler unverzagt
Und neigt sich tief nach Rittersitt',
Als ihn die Jungfrau fragt:

'Wißt ihr, mein Fremdling, wer ich bin?
Wie nennt mich Euer Mund?'
»Crothild, die schönste Königin
Im weiten Erdenrund!«

'Hab' ich nicht Eurer bitt'ren Not
Mitleidig mich erbarmt?'
»O Herrin, nicht von Gold und Brot
Die Seele mir erwarmt!«

'Darum hobt ihr im Frevelmut
Nnach mir empor die Hand?'
»O Herrin, königliches Blut
Blüht nicht nur hierzuland!«

»Vernehmt: von ferne komm ich her,
Kein Stern war mein Geleit,
Als Ihr, wie weit und breit die Mär
Euch preist in Herrlichkeit.«

»Doch wollt' ich Eure Seel' im Licht
Und unverkleidet seh'n,
Mußt' ich als Bettelmann und nicht
Als König nor Euch stehn.«

»Denn König bin ich, rühme mich,
Daß weit mein Reich bekannt;
Die Franken sind mein Volk und ich
Bin Chlodowich genannt!«

»Nehmt Ihr, Crothild, für euer Gold
Dies güld'ne Ringlein an?«
Da sank die Maid so wunderhold
Ans Herz dem kühnen Mann.