Wolfgang Madjera

Kaiser Karls letzte Schlacht

Einst hütet' aus Salzburg ein treuer Knab
Am Untersberg seine Lämmer,
Den winkt' ein Männlein mit mosigem Stab
Zu sich ins Tannengedämmer.

Und wie er folgt mit bebendem Fuß,
Bricht auf ein Tor im Geklüfte;
Durch seinen Bogen aus goldenem Guß
Weht schauriger Cishauch der Grüfte.

Die Welt versinkt. Der Zwerg durchmißt
Gewölbe, deren Dunkel
Von Bergkristall und von Amethyst
Erglüht in mattem Gefunkel,

Bis plötzlich, wachsend wie ein Stern,
Aufleuchtet die schimmernde Halle,
Wo um den Kaiser, um Karl, den Herrn,
Rings ruh'n seine Senneschalle,

In Grotten rings glimmt Gold und Gestein,
Bewacht durch kleine Dämone;
Doch dem Kaiser zu Füßen in glitzerndem Schrein
Reichsapfel, Zepter und Krone.

Hei, wie der Knabe da steht und starrt!
Der Kaiser wie in Träumen
Erhebt sein Haupt mit dem langen Bart,
Den bleiche Perlen säumen,

Und öffnet den Mund und spricht: »Mein Sohn!
Du Spröfjling später Geschlechter!
Grüß' erfurchtsvoll den alten Thron
Und seine greisen Wächter.«

»Es grüße fromm dein kindlicher Blick
Die heiligen Reichskleinode!
An ihnen vollzieht sich der Deutschen Geschick
Zum Leben und zum Tode«

»Der Apfel — die Tugend, das Zepter — die Kraft
Und Gottesfurcht ist die Krone.
Solang der Deutsche so sinnt und schafft,
Sei Macht ihm gegeben zum Lohne.«

»Doch wenn das Volk einst der Tugend vergißt,
Wenn die Kraft entweicht seinen Lenden,
Wenn Rost an der deutschen Klinge frißt,
Wenn sie deutschen Glauben schänden,«

»Dann werden hier im steinernen Saal
Die Reichskleinode erbleichen,
Dann heb' ich empor zum letztenmal
Mein Schwert zu blutigen Streichen.«

»Und aus dem Berge führ' ich mein Heer
Hinaus auf die Walser Heide
Und dröhnen wird bis an's nordische Meer
Mein Ruf zum letzten Entscheide.«

»Dann werden das verdorb'ne Geschlecht
Wie Halme vor dem Schnitter
Hinmäh'n im letzten großen Gefecht
Herr Karl und seine Ritter.«

»Und wenn, die das Reich einst geschaffen, die Hand
Es wieder getilgt von der Erden,
Dann kehrt der Kaiser in's himmlische Land,
Dann wird ihm der Friede werden!«

Der Kaiser verstummte. Der Berg riß entzwei, —
Der Knabe lag bei den Lämmern.
Nur fernher klang ein Adlerschrei
Aus der Felskluft bläulichem Dämmern.