Wolfgang Madjera

Schönbrunn

Wem hat an Sommertagen, wenn rings die Bergluft kocht,
Im heißen, müden Leibe das Herz nicht froh gepocht,
Sobald aus Waldesdunkel an blumenbewachsenem Hang
Ihm leuchtend nach langem Schmachten ein frischer Quell entsprang?

So grüßte Prinz Matthias im Waldgebirge bei Wien
Die Silberwelle, die sprudelnd aus Moos und Gestein ihm erschien,
Als er auf Hirsches Fährte so manche Stunde geirrt,
Bis sich im grünen Dickicht wild Weg und Steg verwirrt.

»Hei welch ein schöner Brunnen!« so ruft er und sinkt ins Knie.
»Wie oft ich hier auch jagte, erschaut' ich ihn doch nie!«
Und wirft den Speer zur Seite und schlürft aus dem samtenen Hut
In tiefen, wonnigen Zügen die kühle, labende Flut.

Und als im Innern erloschen des Durstes zehrender Brand,
Behaglich streckt er die Glieder am schwellenden Bachesrand;
Vor seinen Augen flirren die Blätter im Sonnenglast
Und wölben sich zu Häupten zum funkelnden Palast;

Vor seinen Ohren schwirrt es und geigt und summt und singt,
Wie wenn der Wald Titanien sein schönstes Ständchen bringt:
Da ist's, als ob ihm die Sinne vergingen in schwindelndem Traum —
Wie, oder bewegt sichs wirklich dort unter dem Eichenbaum?

Dort, wo aus zerklüfteten Wurzeln die Quelle bricht hervor,
Hebt sich wie bläulicher Schatten ein liebliches Weib empor,
In Spinnenwebe gekleidet, mit Haar wie Heiligenschein,
Mit Händen wie Lilienblüten, mit Augen wie Edelstein.

Sie steht und lächelt und neigt sich und wehrt mit den Armen still,
Als sich der Prinz verwundert zu ihr erheben will:
»Ich bin die Fee des Bornes, den hier dein Blick erfand.
Nun muß ich hinweg, mir suchen ein neues verborgenes Land.«

»In Zukunft sei dein die Quelle, die dich so köstlich gelabt,
Und deines Geschlechts die Stelle, wo ich mein Reich gehabt.
Es raste an diesem Brunnen der Habsburger edles Haus
Im schwülen Sommer des Lebens von Arbeit und Sorgen aus.«

»Es möge in diesem Brunnen sich spiegeln so manches Paar,
Das, Zepter und Dornen zu tragen, sich einte am Hochzeitsaltar;
Es möge so manche Wiege an diesem Brunnen steh'n,
Aus der die Völker Öst'reichs ihr Heil erwachsen seh'n.«

»Wohl wird des Krieges Getöse die friedliche Stätte entweih'n;
Wohl zieht ein gewaltiger Fremdling als Sieger einst hier ein;
Doch werden die Wetter weichen und nach umwölkter Nacht
Strahlt Österreichs Sonne wieder in ihrer alten Pracht.«

»Und um den Brunnen wandeln wird in balsamischer Luft
Das Volk mit seinem Kaiser, der in sein Haus es ruft,
Das Volk, das er nicht versammelt zum Schutz des Throne allein,
Das Volk, das ihm auch im Frieden Genosse der Freude soll sein!«

So sprach die liebliche Nymphe und schwand in der Sonne dahin.
Doch wahr blieb, was sie dem Prinzen verhieß mit freund lichem Sinn:
Wohl ward der Forst gelichtet; doch sprudelt die Quelle noch heut
Den Tausenden, deren Herzen der Park von Schönbrunn erfreut.