Wolfgang Madjera

Nachklänge zur Schillerfeier 1905

Es reden und schreiben die Menschen viel,
Was ihnen Schiller bedeute,
Wie unvergleichlich sein hoher Stil,
Wie jung er geblieben bis heute.

Sie wimmeln um Schillers Monument
Im Frack und mit Lorbeerkränzen;
Sie lassen ihr Lichtlein, das künstlich brennt,
Anmaßend vor ihm glänzen.

O fühlte sie doch, die laute Schar
Der Hoch- und Hurraschreier,
Wie kläglich ferne sie allzeit war
Von echter Schiller-Feier!

Wie sie der Gemeinheit das Ohr stets lieh,
Der Geilheit Opfer brachte
Und die Propheten der Poesie
Ans Kreuz schlug und verlachte!

Wie sie der Freiheit erhab'nes Panier
Zum Schultze der Frechheit mißbrauchte,
Und wie sie zum Gott erhob das Tier,
In Schmutz begrub das Erlauchte!

Wollt ihr des Herrlichen Jünger sein,
So ehrt ihn im Grunde der Seelen;
Nicht jenen, die am heftigsten schrei'n,
Geziemt es, zu ihm sich zu zählen.

Nicht jenen, die ihn mit dröhnendem Schritt
Umkreisen und schwatzhaften Zungen,
Nein, jenen, die leiden, was er litt,
Und ringen, wonach er gerungen.

O wenn auch Tausende weit und breit,
Dem Großen zu huldigen kamen:
Wie klein ist doch diese schwächliche Zeit,
Gemessen an seinem Namen!