Wolfgang Madjera

Prolog

zu einer Festaufführung der Wiener »Urania«.

Dort, wo der Erde festgefügter Bau
In's dunkle Äthermeer der Weltnacht mündet,
Thront eine hohe, märchenschöne Frau,
Um deren Haupt sich Stern an Stern entzündet;
Ihr Arm umschlingt der Himmel weite Räume,
Ihr Auge dringt ins Reich der Weltenträume:
Urania, Prophetin höchster Kraft,
Die Muse ist's der Himmelswissenschaft.

Doch Wunder drängt sich nicht an Wunder nur,
Wo Sonnen untergeh'n und Sonnen werden:
Mit tausend Herrlichkeiten säumt Natur
Den Lebensweg des Menschen auch auf Erden.
Aus Fels und Strom, aus duft'gen Blumenseelen,
Aus Löwenrachen und aus Vogelkehlen
Spricht, singt und donnert ein gewalt'ger Geist,
Der schöpft und tötet, baut und niederreißt.

Wer aber deutet all der Bilder Pracht,
In deren Kreis wir steh'n, verwirrt und trunken?
Wer löst die Rätsel der geheimen Macht,
Zerstäubt in Millionen Lebensfunken?
Wer lehrt der Sprache Zeichen uns durchdringen,
Die deutlich, doch unfaßbar uns umklingen?
O Wissenschaft! Du steckst die Leuchte an —
Und alle Nebel flieh'n aus unsrer Bahn!

Erst jetzt erschließt sich dem erstaunten Blick
Das mächt'ge Wirken ungeahnter Triebe;
Dem kleinsten wächst sein vorbestimmt Geschick;
Hier wie im Größten strömt die gleiche Liebe.
Es eint sich der Erscheinungen Gedränge,
Wie Stimmenchor zum Einklang der Gesänge,
Im Lob der Einen, ungeteilten Kraft,
Die leuchtet, wärmt und vielgestaltig schafft.

Im Wassertropfen zeigt sich eine Welt,
Im Sandkorn, das du trittst, ein Schatz von Formen.
Im Blütenstaub, der aus dem Kelche fällt,
Ein zartes Vorbild künstlerischer formen.
Der Biene Flug, der Blumen Frühlingsläuten
Empfängt sein tiefes, heiliges Bedeuten;
Und so aus Ton und Glanz und Duft versteh'n
Wir das Gesetz vom Werden und Vergeh'n.

Da lernt der Mensch verborgne Wunder schau'n,
An denen er sonst blind vorbeigegangen,
Und mit erhab'nem, wonnevollem Grau'n
Fühlt er sich als Atom im Weltall hangen,
Beherrscht von großen, ewigen Gesetzen,
Unfähig, ihre Allmacht zu verletzen,
Und schuldig, sie mit demutvoller Scheu
Im Busen zu verehren still und treu.

Wie regt sich mächtig da der inn're Drang,
Im großen Werke eifernd mitzustreben!
Wie öffnet froh das Herz sich jedem Klang,
Der hell hereindringt aus dem bunten Leben!
Wie flüchten vor des Wissens blankem Schilde
Des Aberglaubens furchtbare Gebilde
Und gläubig kehrt sich der entzückte Sinn
Zum Thron der Weisheit und der Schönheit hin!

Fürwahr, dies hohe, segensvolle Glück,
Die Seligkeit, in's Herz der Welt zu dringen,
Die Lust, sich so zum wahren Meisterstück
Der Schöpfung durch Erkenntnis aufzuschwingen,
Sei nicht von wenigen bei sich getragen.
Rein, weit umher, im Volke soll es tagen!
Der Ärmste, den des Lebens Last erdrückt,
Sei durch des Wissens Gnadenhort beglückt!

Wem Dunst und Rauch und schwüle Werktagsqual
Der Sonne goldgewob'nen Glanz verdunkelt,
Dem sei gezeigt der schöpferische Strahl,
Der rings aus tausend Wunderwerken funkelt.
Wer sich verstrickt im Täglichen, Gemeinen,
Der sei geleitet zum Verklärten, Reinen,
Zum Born des Wissens, wo die Leidenschaft
Sich beugen muß der Wahrheit und der Kraft.

Wohlauf, an's Werk! Und Stein um Stein herbei
Zum Tempel eines hehren Heiligtumes!
Wer mit uns wirkt, wer mit uns baut, dem sei
Gewiß ein Lorbeerblatt des schönsten Ruhmes.
Dem Volk, der Menschheit gilt's, mit vollen Händen
Licht, Lebensfreude, Lebensmut zu spenden.
Laßt alle, alle, die da dürsten, ein:
Urania soll ihre Schutzfrau sein!