Wolfgang Madjera

Prolog

zur Eröffnung des Stadttheaters in Mährisch-Ostrau (1907)

Der Tag hat sich geneigt. Ruf goldnen Schwingen
Umschwebt der Sonne breiter Scheidestrahl
Der Arbeit graue Burgen. Es verklingen
Die Hämmer, es verrauscht die Jagd und Qual;
Von glüh'nden Öfen, wo sein Schweiß geronnen,
Vom Pult, wo er berechnet und gesonnen,
Hebt sich der Mensch, für eine Spanne Zeit
Vom ehernen Gebot der Pflicht befreit.

Allein, wohin soll er die Blicke senden?
Wie wird er seiner kurzen Freiheit froh?
Umstarrt ihn rings nicht zwischen düstren Wänden
Die dumpfe Hast, aus der er eben floh? —
Da schimmert ein Palast an seinem Pfade,
Im Festschmuck, wie ein Heiligtum der Gnade,
In weißer Pracht erhellend Qualm und Dunst,
Und überm Tor flammt stolz das Wort: »Der Kunst!«

Hier tretet ein und ruht von euren Sorgen!
Ihr steht am Herrscherthron der hehren Macht,
Die andrer Sphären ew'gen Frühlingsmorgen
Euch leuchten läßt in eures Daseins Nacht!
Hier tretet ein und laßt den Tag versinken,
Aus dem der Not gespenst'ge Arme winken.
Entzückt euch hier, wo tauchend aus dem Licht
Der Geist der Welt zum irdschen Geiste spricht!

Denn das ist Kunst und das ihr Ziel des Strebens:
Des Menschen Herz zu lösen aus denn Bann,
Dem es verfiel im wilden Tanz des Lebens
Und es emporzutragen himmelan.
Aus der Gestalten rastlosem Gedränge,
Aus unsres Kreises ängstigender Enge
Weist sie uns hin, wo keine Grenze zwängt
Und jedes Dasein tiefsten Sinn empfängt.

Und doch: Sei auch der Kunst erhab'ner Segen
Stets dieser eine: daß sie uns befreit —
Ruf welchen reizvoll immer neuen Wegen
Schafft sie dies Wunder höchster Wirksamkeit!
Sie zeigt der Helden ragende Gestalten
Beseelt von ungeheuren Urgewalten —
Doch ebenso tut sie den Weltenlauf
Im armen Schicksal des Enterbten auf.

Sie läßt den kühnen Streiter unterliegen -
Und lehrt uns, daß er trotzdem überwand;
Sie läßt das Edle, läßt die Tugend siegen
Wir ahnen ew'gen Rechtes Unterpfand;
Sie kränzt mit Rosen unsre kleinen Leiden -
So daß wir heiter lächeln, wenn wir scheiden;
Sie jauchzt und donnert, predigt, lacht und rührt
Und hat uns so der Wirklichkeit entführt.

Nur Einem sei des Tempels Tor perschlossen,
Der nicht der Weisheit dient und nicht der Kraft:
Dem Geiste nichtiger, gemeiner Possen,
Dem niedren Geist unreiner Leidenschaft,
Der, statt von unsrer Not uns zu erlösen,
Uns nur verstrickt im Häßlichen und Bösen,
Statt uns zu heben in das Reich des Lichts,
Uns nur hinauslockt in das öde Nichts.

Und so, die ihr in diesen hellen Räumen
Zum erstenmal zu lauschen euch vereint,
So wollen wir des Hauses Zukunft träumen,
Wie heute sie uns Wünschenden erscheint:
Dem Trauernden sei hier der Schmerz gelindert,
Dem Sorgenden der Sorge Last gemindert,
Dem Glücklichen der Schatz des Glücks vermehrt
Und jedem Menschenkind sein Los verklärt.

Sei deutsche Kunst mit ihren reichen Gaben
Uns Führerin zu diesem hohen Ziel!
Sei uns gegönnt, erquickend euch zu laben
Durch ernste Wahrheit und durch frohes Spiel!
Laßt fern des Lebens mißgetöntem Streiten
Uns zu der Kunst Altären friedlich schreiten,
»Ein einig Volk von Brüdern« laßt uns sein,
Die sich dem Guten und der Schönheit weih'n!