Wolfgang Madjera

Prolog

einer Aufführung im k. k. Lustschlosse Schönbrunn zugunsten der Erbauung eines »Lupusheims« (1908).

Des Lenzes Ruf in mächtigen Akkorden
Erschallt: Vom Winterschlaf erwacht die Welt;
Beschwingtes Lied ist wieder laut geworden;
Von Lust, zu blüh'n, wird jeder Zweig geschwellt.
Des Lichtes heil'ger Strom wallt breit hernieder
Und jeden Auges Pforte tut sich auf
Und spiegelt Hoffnungen und Träume wider
Von neuer Sonne neuem Siegeslauf.

Wer möchte sich dem Jubelchor verschlie4en,
Von dem der Erde weites Rund ertönt?
Wenn selbst der grauen Laroe Flügel sprießen,
Wer fühlt vom Lenz sein Dasein nicht verschönt?
Und doch: Durch seine Zauber unbezwungen,
Steht eine Schar, in deren Herzensqual
Kein Laut noch drang von holder Freude Zungen
Und keiner Hoffnung Rosenschein sich stahl.

Wie mag auch, wo Natur verschwend'risch spendet,
Sich freu'n, wen ihre volle Hand vergaß?
Wie mag sie der bewundern, den sie schändet,
Den sie mit Leiden heimsucht ohne Maß?
Er fühlt sich fremd in ihren Wunderreichen,
Den sie zur Lust nicht zeugte, nur zur Pein,
Den sie verdammt, gefloh'n von seinesgleichen,
In all dem Glanz des Abscheus Bild zu sein!

Nicht Lenz und Sonne lindern solche Qualen.
Das Dunkel dieser tiefen Nacht durchbricht
Nur einer unsichtbaren Sonne Strahlen,
Bewältigt nur der Liebe Himmelslicht.
Wenn sie von Herzen in die Herzen mündet,
Blüht langsam auf der Hoffnung grüne Saat;
Denn ihre schöpferische Glut entzündet
Des Mitleids schlummerndes Gefühl zur Tat.

Von solchem Himmelslichte reich umflossen,
Prangt der Palast auch, der uns hier vereint;
In alles Land wird es von hier ergossen
Und fliegt, zu trösten, wo die Armut weint.
Ein Jubeljahr begeht hier Herrschergüte,
Umwogt von treuer Völker Dankbarkeit —
O daß auch dieses Jahres eine Blüte
Das Werk sei, dem wir heute uns geweiht!

Wir haben uns verbündet mit den Musen;
Wer könnte, wenn sie werben, widersteh'n?
So rührten sie auch euch das Herz im Busen
Zur Liebestat, die wir uns auserseh'n,
Zu jenem Bau mit Eifer beizutragen,
Wo, neu belebt, am Born der Wissenschaft
Der Sieche lernen soll, nicht mehr zu zagen,
Und Elend sich verjüngen soll zur Kraft.

Wohlan! Was ihr gefügt zum Liebeswerke,
Das sei nun von den Musen euch gelohnt!
Ist's doch nur eines einz'gen Geistes Stärke,
Die so im Guten als im Schönen wohnt.
Sei euch, die ihr der Güte reinem Streben
Mit Freuden eure Hilfe habt gebracht,
Ein Strahl von jenem Licht zurückgegeben,
Das ihr erbarmend andern zugedacht!