Wolfgang Madjera

Als mir die Muse erschien

(30. Oktober 1908.)

1.

Die mir unsichtbar
Führerin war
Ruf einsamen Wegen,
Trat in gold'nem Haar
Licht und klar
Mir plötzlich entgegen.
O wie traut-bekannt
Mir zugewandt
Zwei süßeste Sterne!
Von mir geführt,
Schaudernd berührt
Die sonst so Ferne!

°°°

2.

Vor der Rampe
Lamp' an Lampe,
Rings im Saale
Geleucht' und Gestrahle,
Gefülltes Haus bis an den Bogen,
Bewegter Hände Beifallswogen.

Und vor dem Gedränge
Der festlichen Menge
Ein Mensch im schwarzen Gewand,
Die spinnwebfeine,
Geschmeidige, kleine,
Zierliche Muse an der Hand.

°°°

3.

Solange du mich unsichtbar umschwebtest
Und nur im Tönen meiner Seele lebtest,
Warst du, geliebte Muse, mein,
Des Wagenden,
Jagenden,
Des Klagenden,
Zagenden
Ganz allein —
Ganz mein.

Doch steigst, du himmlisch Wesen, zu mir nieder,
Holdselig, wie dich träumen meine Lieder,
Sind tausend andre Herzen dein;
Und das deine verteilst du —
Und so verweilst du
Und dennoch enteilst du
Aus meinem Sein;
Und mehr als je,
Nun ich dich schaue,
Liebliche Fraue,
Bin ich allein!