Wolfgang Madjera

Prolog

einer Festakademie zur Erhaltung der Baudenkmale von Dürnstein. (1908.)

In müde schleichenden Stunden gräbt sich der Kiel durch die Flut,
Auf deren schimmerndem Spiegel die Sommersonne ruht;
Ein Regen von Silberfunken aus grauen Weiden sprüht;
Hoch oben des Himmels Kuppel kristallisch funkelnd glüht.

Schon will das Auge erlahmen; da taucht aus dem Dunst und Glast
Ein waldgekräntes Gebirge, das eng den Strom umfaßt,
Und als des Gebirges Bollwerk von Klippen ein mächtiger Bau,
Der Wächter des Donautales — das felsige Tor der Wachau.

Hei, wie dort in goldenem Bogen der Strom aus den Wäldern bricht!
Wie er noch einmal emporjauchzt zum sinnenden Angesicht
Der Berge, an deren Wangen, umlaubt von grünendem Wein,
Sich schmiegt, wie ein Sprößling der Felsen, das uralte Dürenstein!

Ja, Strom und Burg und Städtchen sind Freunde von altersher;
Der Strom trug hier vorüber manch Schifflein beuteschwer,
Das, ehe der Hafen ihm winkte, den werten Besuch empfing
Der Falken vom Felsenneste, der Ritter von Kuenring.

Und einmal brachten die Wellen die edelste Beute ans Ziel,
Als Englands feuriger König in Österreichs Hände fiel,
Und Dürnsteins dunkle Verließe umfingen das Löwenherz,
Bis Blondels Lieder zersprengten der Gitter starrendes Erz.

Doch auch von sanfteren Klängen erbebte hier oft die Luft
Aus gottgeweihten Herzen, die modern längst in der Gruft,
Die einst in bogiger Halle und bildergeschmücktem Gang
Der Burgherrn Sünden büßten bei heiligem Chorgesang.

Es grüßt aus Türmen und Fenstern die reiche Vergangenheit,
Es künden Giebel und Mauern den Hauch einer starken Zeit,
Ein trotzig eigenes Wollen, dem Kraft aus den Felsen blüht,
Geharnischte Kampfbereitschaft und gottesfürchtig Gemüt.

Fürwahr, ein köstliches Erbe! Doch wird es auch treu bewahrt?
Ihr, deren Auge sich weidet auf köstlicher Donaufahrt,
Wie hier die Werke des Menschen sich einen dem Werk der Natur:
Seht hin und betrachtet mit Wehmut der Vergänglichkeit wachsende Spur!

Die Felsgebilde ragen, wenn Jahr und Jahrtausend auch schied;
Im Strome die Wellen flüstern, wie immer, ihr ewiges Lied;
Das Werk der Menschenhände verwittert und zerfällt,
Entschwindet und sinkt in Trümmer - wenn es der Mensch nicht erhält.

O laßt es an den Ruinen genügen, die wilde Kraft
Einst schuf im tobenden Anprall kriegswütiger Leidenschaft!
O laßt uns beschirmen und hegen, was noch der Sturm nicht zerbrach,
Daß auch zu den Enkeln spreche, was uns zu Herzen sprach!

Des Bildes berückende Schönheit, vor der keine Zunge noch schwieg,
Der Ostmark herrlichste Perle, die dem Schoß der Donau entstieg,
Der Zukunft soll sie gehören, der Zukunft Entzücken sein
Soll unser bezauberndes, altes, geliebtes Dürenstein!