Wilhelm Müller

Vor ihrem Fenster

Wie freut es mich, in dunkeln Abendstunden
Vor deinem hellen Fenster still zu stehn!
Den Vorhang find' ich hoch hinaufgewunden,
Frei darf mein Blick in seinen Himmel sehn.

Die Blumen, die sich an die Rahmen schmiegen,
Umschlingen mir dein Bild mit ihrem Kranz,
Und meines Odems Hauche überfliegen
Mit trübem Nebelduft der Scheiben Glanz.

Da sitzest du, so still und unbefangen,
Das schöne Haupt gestützt auf deinen Arm,
Und ich bin dir so nah mit Lust und Bangen,
Mit meiner Wünsche ungestümem Schwarm.

Du schauest her: es wissen deine Augen
Vom süßen Zauber ihrer Blicke nicht,
Wie meine sich aus ihnen trunken saugen,
Und hell erglühen nur von ihrem Licht.

Du ahnest nicht, wie sich mein ganzes Leben
Gleich einem Mond um deine Sonne dreht,
Der bald sich will auf stolzen Strahlen heben,
Bald tief gebeugt in Thränen untergeht.

Still, still, mein Herz! Was meint dein wildes Schlagen?
Schau' über dich, der Himmel ist nicht fern;
Und Flammen, die aus Sternen fallen, tragen
Der Menschen Seufzer vor den Thron des Herrn.