Wilhelm Müller

Des Postillions Morgenlied vor der Bergschenke

Vivat, und in's Horn ich stoße!
Vivat, wie so hell es klingt,
Wenn es in der Morgenstunde
Meinem Schatz ein Vivat bringt!

Und die Peitsche knallt dazwischen,
Und die Räder rasseln drein,
Und die Funken und die Flammen
Fliegen über Stock und Stein.

Bravo, bravo, braver Schwager!
Ruft mir zu der Passagier:
Mag er's loben und bezahlen,
Liebste, aber's gilt nur dir.

Kann ich's mit dem Schwert nicht zeigen,
Mit dem blanken Rittersporn,
Hat mein Herz für seine Liebe
Doch dies kleine runde Horn.

Wer's versteht, es klingt nicht übel,
Frisch und scharf wie Morgenwind,
Und die Liebste, die ich meine,
Ist kein schwächlich städtisch Kind.

In dem Wald ist sie geboren,
Ist des Schenken Töchterlein;
Klang der Becher, Zank der Zecher
Mußt' ihr Wiegenliedchen sein.

In dem Walde steht die Schenke
Einsam auf dem höchsten Berg,
Durch den Schornstein bläst die Hexe,
Und im Keller wühlt der Zwerg.

Aber sie, die flinke Dirne,
Weiß mit Geistern umzugehn,
Wenn ihr Schlüsselbund nur klappert,
Läßt kein Spuk sich weiter sehn.

Und wie trefflich kann sie bannen
Geister auch von Fleisch und Bein,
Die Berauschten, sei's von Liebe,
Sei's von Bier und Branntewein.

Keiner wagt sich ihr zu nahe,
Weil den Zauberkreis er kennt,
Der dem kecken Überspringer
Zung' und Finger gleich verbrennt.

Aber freundlich und gesprächig
Ist sie dem bescheidnen Gast,
Und an ihrem Thor vorüber
Rollt kein Wagen ohne Rast.

Bravo, bravo, braver Schwager!
Ruft mir zu der Passagier:
Gut gefahren, gut gehalten
Bei der schmucken Dirne hier.

Mag er's loben und bezahlen,
Liebste, aber's gilt nur dir.
Schöne Schenkin, ach, ich dürste,
Schenke, schenke Liebe mir!

Vivat, und in's Horn ich stoße,
Und es muß abschieden sein!
Vivat, und wie soll es schmettern,
Kehr' ich hier auf ewig ein!