Wilhelm Müller

Sehnsucht und Erfüllung

Parodierende Glosse.

Thema von Tieck.

Süße Ahnungsschauer gleiten
Über Fluß und Flur dahin,
Mondenstrahlen hold bereiten
Lager liebetrunknem Sinn.

Der Prächtige.

Sinkt hinab die güldne Sonne,
Steigen auf zwei Monde blau.
Blümlein, ist es Liebeswonne,
Daß ihr weint so hellen Thau?
Ja, ihr theilet mein Verlangen,
Ja, von Lust und Leid umfangen,
Bebt die mailiche Natur;
Durch des Himmels dunkle Weiten,
Über Berg und See und Flur
Süße Ahnungsschauer gleiten.

Der Natürliche.

Schätzchen, allerliebstes Schätzchen,
Ach, wenn ich ein Vöglein wär',
Wär' ich jetzt schon auf dem Plätzchen –
Wollt' nicht flattern hin und her –
Wo, wie wir es abgekartet,
Einer auf den Andern wartet.
Doch weil das nicht kann geschehen,
Denk', wenn ich der Letzte bin,
Daß ich muß zu Fuße gehen
Über Fluß und Flur dahin.

Der Ideale.

Um vom Stoffe nicht befangen
Zu beginnen mein Gedicht,
Stell' ich also mein Verlangen
Fabelhaft mir vor Gesicht.
Diese Tanne dient zum Thurme,
Wo, bedacht von Siegfrieds Wurme,
Seufzt die süße Dame mein;
Und bevor es geht zum Streiten,
Will ich erst aus Sonnenschein
Mondenstrahlen hold bereiten.

Der Materielle.

O verdammte Weibertücken!
O unsel'ges Rendezvous!
Eine Rose wollt' ich pflücken,
Heimlich winkte sie mir zu.
Und auf ihrer Gartenmauer
Stand ich schon in banger Lauer:
Da erfaßt' es mich beim Kragen,
Warf mich in die Disteln hin.
Pflegt man also aufzuschlagen
Lager liebetrunknem Sinn?