Wilhelm Müller

Schlechte Zeiten, guter Wein

Über schlechte Zeiten
Klag' ich nimmermehr,
Wird von gutem Weine
Nur mein Faß nicht leer.

Willst die Zeitung lesen?
Bruder, geh' zu Bier!
Zu dem Saft der Reben
Schmeckt kein Löschpapier.

Ob auf dieser Erden
Auch von Tag zu Tag
Matter, kälter, schwächer
Alles werden mag:

Doch der Wein im Fasse
Trotzt der Macht der Zeit,
Fühlet nichts vom Alter
Als die Würdigkeit.

Was das Jahr dem Menschen
Allgemach entrafft,
Das, das giebt's dem Weine:
Gluth und Muth und Kraft.

Wollen's wieder holen
Aus dem Faß hervor,
Was im Flug der Jahre
Jeglicher verlor!

Und wer mit dem Leben
Lebt in Leid und Streit,
Trink' aus altem Fasse
Alte gute Zeit!