Wilhelm Müller

Est Est!

Romanze.

Hart an dem Bolsener See,
Auf des Flaschenberges Höh',
Steht ein kleiner Leichenstein
Mit der kurzen Inschrift drein:
Propter nimium Est Est
Dominus meus mortuus est.

Unter diesem Monument,
Welches keinen Namen nennt,
Ruht ein Herr von deutschem Blut,
Deutschem Schlund und deutschem Muth,
Der hier starb den schönsten Tod –
Seine Schuld vergeb' ihm Gott!

Als er reist' im welschen Land,
Vielen schlechten Wein er fand,
Welcher leicht, wie Wasser, wog
Und die Lippen schief ihm zog;
Und er rief: Ich halt's nicht aus!
Lieber Knappe, reit' voraus!

Sprich in jedem Wirthshaus ein,
Und probire jeden Wein;
Wo er dir zum besten schmeckt,
Sei für mich der Tisch gedeckt,
Und damit ich find' das Nest,
Schreib' an's Thor mir an ein Est.

Und der Knappe ritt voran,
Hielt vor jedem Schenkhaus an,
Trank ein Glas von jedem Wein,
War der gut, so kehrt' er ein,
War der schlecht, so sprengt' er fort,
Bis er fand den rechten Ort.

Also kam er nach der Stadt,
Die den Muskateller hat,
Der im ganzen welschen Land
Für den besten wird genannt;
Als von diesem trank der Knecht,
Dünkt' ein Est ihm gar zu schlecht.

Und mit feuerrothem Stift,
Und mit riesengroßer Schrift,
Malt er nach des Weins Gebühr
Est Est an der Schenke Thür;
Ja, nach anderem Bericht
Fehlt die dritte Silbe nicht.

Der Herr Ritter kam, sah, trank,
Bis er todt zu Boden sank.
Schenke, Schenkin, Kellner, Knapp'
Gruben ihm ein schönes Grab,
Hart an dem Bolsener See,
Auf des Flaschenberges Höh'.

Und sein Knapp', der Kostewein,
Setzt' ihm einen Leichenstein,
Ohne Wappen, Stern und Hut,
Mit der Inschrift kurz und gut:
Propter nimium Est Est
Dominus meus mortuus est.

Als ich nach dem Berge kam,
Eine Flasch' ich zu mir nahm,
Und die zweite trug ich fort
Nach dem weltberühmten Ort,
Wo der deutsche Ritter liegt,
Der vom Est Est ward besiegt.

Selig preis' ich deine Ruh',
Alter, guter Freiherr du,
Der du hier gefallen bist
Von dem Trank, der doppelt ist,
Doppelt ist in Kraft und Gluth,
Goldnes Muskatellerblut!

Jahr für Jahr an jenem Tag,
Wo dein Leib dem Geist erlag,
Zieht, was trinkt in Hof und Haus,
Feierlich zu dir hinaus,
Und begießt mit deinem Wein
Dir den Hügel und den Stein.

Aber jeder deutsche Mann,
Welcher Est Est trinken kann,
Denke dein bei jedem Zug,
Und sobald er hat genug,
Opfr' er fromm dem edlen Herrn,
Was er selbst noch tränke gern.

Also hab' ich's auch gemacht
Und dazu dies Lied erdacht.
Lieber singen Eins beim Wein,
Als im Grab besungen sein.
Propter nimium Est Est
Liegt manch Einer schon im Nest.